Comeback der Biber im Reusstal

Aus Ottenbach
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Ottebächler Nr. 132 Januar 2006

Wer in den letzten Monaten einen Spaziergang am linken oder rechten Reussufer zwischen der Brücke Werd und Rottenschwil unternommen hat, wurde von frischen Nagespuren am Ufergehölz oder sogar von gefällten Bäumen überrascht. Die Spaziergänger stellten sich die Frage nach dem Verursacher, nach der Bedeutung dieser Spuren.

Am Schluss des Artikels Standortkarten und Fotos mit Biberaktivitäten

Aktuell Oktober 2019:

-Biberdamm im Entwässerungskanal Vordererle, Aargauische Reussebene

-"Courmet-Biber" im Hasenloch/Meiholz Ottenbach


Josef Fischer

Josef Fischer ist als Geschäftsführer der Stiftung Reusstal nahe am Puls der Natur in unserer unmittelbaren Umgebung.

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Beobachtungen in der Reussebene

Seit 2001 werden wieder Biber in der Reussebene südlich Bremgarten beobachtet. Da Biber vor allem nachtaktiv sind, sind direkte Beobachtungen schwierig und selten.

Wir wissen bis heute nicht exakt, wie viele Tiere sich im Gebiet aufhalten. Verschiedene Einzelbeobachtungen weisen darauf hin, dass zeitweise min-destens 3 bis 4 Tiere anwesend sind / waren.

Besonders gut einsehbar ist die Anwesenheit von Bibern im Spätherbst und Winter. In dieser Zeit ist die Futterquelle aus Kräutern und Gräsern versiegt. Biber fällen deshalb Bäume, bevorzugt Weichhölzer wie Pappeln und Weiden, um an die nährstoffreiche Rinde und an Knospen der Äste zu gelangen. Sanduhrförmig angenagte Stämme, wie auch die am Boden herumliegenden Nagespäne sind die am leichtesten zu erkennenden Hinweise für die Anwesenheit des Bibers.

Am konstantesten sind in der Reussebene Frassspuren im Bereich des Flachsees zu beobachten. Biberbäume fanden sich seit 2001 aber auch an verschiedenen andern Reuss- Abschnitten zwischen Bremgarten und Mühlau. Zudem wird der Unterlauf des grössten Nebengewässers in diesem Raum, die Lorze, vom Biber genutzt.

Zurzeit, also im Winter 05/06, sind besonders viele angenagte und gefällte Bäume an der Reuss zwischen Rottenschwiler und Werder Brücke zu beobachten.

Ausgerottet und wieder angesiedelt

Biber waren um 1900 im mitteleuropäischen Raum verschwunden. Intensive Nachstellung und Bejagung hatten dieses Tier ausgerottet. Zwischen 1957 und 1977 wurden in der Schweiz an verschiedenen Gewässern wieder 141 Biber aus Skandinavien und Frankreich ausgesetzt. Viele dieser Tiere wurden kurze Zeit nach ihrer Aussetzung tot aufgefunden oder verschwanden spurlos. Aus den meisten Aussetzungsgebieten wanderten die Biber wieder ab, so auch an der Reuss. Zu Beginn der Achtzigerjahre war der Biberbestand im Aargau wieder auf einem Tiefpunkt angelangt. Nur noch der Umiker Schachen und der Rhein bei Kaiserstuhl waren besiedelt.

Am Rhein baute sich dann langsam eine fortpflanzungsfähige Population auf. Dazu trugen auch die Biberaussetzungen in den Kantonen Thurgau und Zürich bei. Seit Mitte der Neunzigerjahre nehmen die Bestände deutlich zu. Die Biber breiten sich im Aargau entlang der Flüsse Aare, Rhein, Limmat und Reuss relativ schnell aus.

Barriere Kraftwerk

Das Kraftwerk Zufikon stellt ein grosses Hindernis dar. Die Biber können dieses nicht schwimmend überwinden, sondern müssen es auf dem Landweg umgehen. Erschwerend wirkt dabei, dass die Reuss unterhalb der Staumauer stark ins Gelände eingeschnitten ist, dass also steile Böschungen vor-herrschen. Zudem liegt diese Biber- Barriere heute weitgehend im überbauten Siedlungsgebiet, wo Gebäude und Strassen bis weit ans Flussufer reichen und wo auch auf den Fusswegen am Flussufer oft bis tief in die Nacht reger Betrieb herrscht.

Irgendwie scheint es aber doch zu klappen. Reuss aufwärts drängende Biber überwinden jetzt dieses Hindernis. Biber zeigen damit ihre grosse Lern- und Anpassungsfähigkeit.

Aufwind mit der Auen- Förderung

Haben Biber in der Reussebene genügend Futter, fressen sie uns die letzten grossen Silber- Weiden weg?

Weichholzauen mit ihren Beständen an Pappeln, Weiden oder Erlen sind an den Mittelland Flüssen nicht mehr üppig vertreten. Hochwasserdämme und harte Uferverbauungen haben ihren Lebensraum arg eingeengt. Wo noch Bäume in Gewässernähe zu finden sind, sind dies heute meist Harthölzer wie Eschen, die dem Biber nicht die geeignete Nahrung bieten.

Projekte für den Auenschutz, die zum Ziel haben wieder dynamische, unverbaute Flussufer entstehen zu lassen, fördern Weichhölzer und sind deshalb für den Biber förderlich. Die jungen Reussufer- Renaturierungen unterhalb der Birri- Ottenbach- Brücke und im Gebiet der Hanau, Merenschwand, können in Zukunft zu Stützpunkten für eine Reusstaler Biber-Population werden.

Die durch Sedimenteintrag entstandenen und durch jedes Hochwasser vegrösserten Schlickbänke im Flachsee Unterlunkhofen werden schnell von Weiden besiedelt. Es erstaunt deshalb nicht, dass Biber in diesem Gebiet am häufigsten zu beobachten sind.

Markante mächtige Silber-Weiden bereichern viel Reuss- und Lorze- Abschnitte. Wird so ein Baum gefällt, mag das bedauerlich sein. Die Wuchs- und Erneuerungskraft von Weiden ist aber enorm. Aus den Strünken schlagen schnell wieder neue Triebe aus. Es gilt zudem im Auge zu behalten, dass Weiden nicht alt werden. Biber erhalten Weichholz- Bestände jung und wuchsfreudig.

Durch die bemerkenswerte Fähigkeit, den eigenen Lebensraum zu gestalten, mit dem Fällen von Bäumen und Sträuchern, dem Anlegen von Gräben und Dämmen werden Biber Wegbereiter verschiedener Tier- und Pflanzenarten. Biber fördern die Artenvielfalt und bringen erwünschte Dynamik in die Flusslandschaften.

Lebensraum mit Grenzen

In der Reussebene ist der Aue ein relativ enges Damm- Korsett gesetzt. Im aargauischen Gebiet funktioniert die Entwässerung des Kulturlandes durch Pumpstationen und durch ein umfassendes Kanalsystem. Dieses erträgt von der Anlage her kaum Experimente wie Einstauungen durch Biber- Aktivitäten, da dies im ebenen Gelände sofort zu grossflächigen Vernässungen im Kulturland führt. Sind der Ausbreitung und dem Wirken des Bibers in dieser stark genutzten Landschaft also derart Grenzen gesetzt, sodass keine überlebensfähige Biber- Population möglich ist?

(28.7.2019 Aktuelle Fotos über einen Biberdamm in einem Seitenkanal in der Fotostrecke am Schluss der Seite)

Jeder Lebensraum hat seine Grenzen. Im heutigen Mittelland kann ein Flusssystem alleine einem Grosssäuger wie dem Biber keinen nachhaltig überlebensfähigen Lebensraum mehr bieten. Wichtig ist daher die Summe, das Verbundsystem der Lebensräume. In der interkantonalen Reuss-Landschaft südlich Bremgarten sind bemerkenswert viele Schutzgebiete einge-richtet. Sie bieten für Biber beachtliche Refugien, die heute sicher noch nicht ausgeschöpft sind. Diese Landschaft beherbergt zudem ein grosses Auen- Aufwertungs- Potential. Projekte, wie die 2004 vom Kanton Zug realisierte Reuss- Aufweitung bei der Unteren Chamau, Hünenberg, die von der Stiftung Reusstal 2005 renaturierte Aue im Giriz Rottenschwil oder das geplante neue Auengebiet bei Reussegg, Sins, bringen neue Trittsteinbiotope.

Biber zeigen erstaunliche Anpassungsfähigkeit. Seit sie in Mitteleuropa effektiv geschützt sind und seit ihnen der Mensch nicht mehr nachstellt, bauen sich die Bestände wieder auf. Freuen wir uns also an diesem Lebenskünstler und Lebensraum- Bereicherer!


Autor: Josef Fischer, Biologe

Geschäftsführer Stiftung Reusstal Januar 2006


Quellen: – Beck Andres, Voser Peter, 2004: Ein 40-jähriges Experiment – Biber im Kanton Aargau. Umwelt Aargau, Nr. 25, S. 19-22.

– Der Biber in der Schweiz. Bestand Gefährdung, Schutz. Schriftenreihe Umwelt Nr. 249, BUWAL 1996.

– Reichholf Josef, 1993: Comeback der Biber. Ökologische Überraschungen. C.H. Beck.



Nachtrag zu den Biberdämmen in den Entwässerungskanälen in der Aargauischen Reussebene

In einer Aargauer Zeitung stand die Schlagzeile Biberdamm verursacht 70 ha Stausee!. Von einem Staussee ist aber nichts zu sehen, Tatsache ist, dass durch den aufgestauten Kanal der Grundwasserspiegel steigt und so die Felder vernässen kann.

Nach längerem Hin-und Her zwischen den betroffenen Bauern, den kantonalen Ämtern und verschiedenen Naturschutzorganisationen, hat das Aargauer Verwaltungsgericht im Juli 2019 entschieden, dass die Biber-Dämme nicht dauernd von den Bauern entfernt werden dürfen. Die betroffenen Landwirte wollen das Urteil aber nicht weiterziehen und suchen das Gespräch mit den verschiedenen Organisationen. (Stand Anfang September 2019)

Im September 2019 einigten sich die verschiedenen Parteien darauf, dass die Biberdämme im Unterrütikanal und im Mühlemattgraben während eines Jahres entfernt werden dürfen. Während der Setz- und Säugezeit vom 1. April bis zum 31. Juli sind die Entfernungen auszusetzen. Alle Arbeiten sind genau zu dokumentieren.


7.9.2019 Der Biberdamm ist sauber abgeräumt. Es sieht nicht nach einer Hau-ruck-Nachtübung aus, sondern professionell.(pe)*

23.9.2019 Keine neue Biber- Aktivitäten bei dem weggeräumten Biberdamm (pe)*

  • Betrifft den Damm Vordererle


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