Weiss-Mürner Emil 1919-2008

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100 Jahre Bienenzucht in der Familie Weiss, 1885 - 1985, Ottenbach ZH

Autor: Emil Weiss

Mein Grossvater lebte in der Baaregg in Knonau und kaufte bereits vor 100 Jahren die ersten Bienenvölker - damals noch in Strohkörben. In den Anfängen wusste er noch nicht viel von den Geheimnissen des Bienenlebens. So gingen diese Völker bald ein. Doch dessen ungeachtet kaufte er wieder Bienen, nun in den neuen Magazinbauten (Holzkästen) mit beweglichem Wabenbau.

Schon im Jahre 1896 wurde das grosse dreiteilige Bienenhaus erstellt, und um die Jahrhundertwende besass mein Grossvater bereits gegen 100 Bienenvölker.

Emil Weiss, Senior, mit seinem NSU mit Seitenwagen

Mein Vater überliess 1924 den heimatlichen Hof in Knonau seinem Bruder und kaufte sich das kleine Bauerngut an der Bachdolen in Ottenbach. Um für die grosse Familie aufzukommen, wurde die Bienenzucht vergrössert.

Bemerkung zur Motorradfoto: Emil Weiss, Senior, mit seinem NSU-Motorrad mit Seitenwagen. Er baute den Seitenwagen zu einer geschlossenen Kabine für den Personentransport um. Nachdem er von der Polizei einmal angehalten wurde, musste er sein Gefährt vorführen. Dabei einstand diese einmalige Fotografie. Im Kabäuschen wahrscheinlich seine zwei ältesten Söhne. Emil Weiss, Junior, der Berichtschreiber, benutzte das Fahrzeug nicht mehr.(Pe)

So musste ich, als Ältester von neun Geschwistern, schon als Bub tüchtig mithelfen. Da wurden im Winter Bienenkästen und Bienenhäuschen angefertigt, ebenso mussten Waben erneuert werden. Die Kunstwaben stellten wir selber her. Im Sommer holten wir Schwärme heim, und der Honig musste geschleudert werden. Im Herbst war es dann Zeit, die Völker für den Winter zu füttern. Ich besuchte Kurse und las alle Literatur über Bienen und deren Zucht.

Da meine Imkerei bald zu den grösseren Betrieben in der Schweiz zählte (in der Schweiz wird die Bienenzucht nur im kleinen und als Hobby betrieben), wurde mir schon bald das Führen einer Beobachtungsstation vom Schweizerischen Imkerverband übertragen. Seit 30 Jahren ermittle ich nun täglich die Witterung, beobachte Völker und Flora und prüfe das Gewicht der Bienenvölker.

Neben guten bis sehr guten Honigjahren, gab es auch solche ohne Ertrag. Krankreiten und Seuchen wurden durchgestanden. Im letzten Herbst [1985] stellte man erstmals die Varoa-Milbe in der Schweiz fest. Da alle Behandlungsmassnahmen bis heute ohne durchgreifenden Erfolg blieben, kann niemand sagen, was diese Seuche in Zukunft noch anrichten wird.

Trotz der zahlreichen Bienenstiche (ca. 150 jährlich) befriedigt mich die Arbeit mit meinen Bienen.

Aus dem Leben der Bienenvölker

An kalten Wintertagen werde ich oft gefragt, wie denn die Bienen mit der Kälte fertig würden und ob man da heizen müsse? Doch die Bienen heizen sich selbst. Wenn es kälter wird, schlüpfen sie zusammen; je kälter desto enger. Sie bilden eine 15 bis 20 cm grosse Bienenkugel zwischen den Wabengassen, deren Wabenzellen mit Bienenfutter gefüllt sind. Reicht nun dieses enge Zusammensein nicht mehr aus, so bewegen sie ihre Flügelmuskeln und erzeugen so zusätzlich Wärme. An kalten Wintertagen kann man von aussen ein tiefes Summen wahrnehmen. So kann es bei einer Aussentemperatur von -20° C im Innern einer Bienentraube 30°C warm sein. Eine gesunde Biene lässt in der Wohnung nie Kot fallen. Der Enddarm der Biene lässt sich ausdehnen. So kann sie in der Winterruhe während 3-4 Monaten alles bei sich behalten. Jedoch beim ersten warmen Sonnentag drängen sie alle hinaus und entleeren ihren Darm beim ersten Bienenflug.

Interessantes gibt es auch über das Alter der Bienen zu berichten. Während die Biene im Sommer bei ihrer emsigen Arbeit nur ein Alter von 3-6 Wochen erreicht, leben Bienen, die im August oder September schlüpfen und nicht mehr viel arbeiten müssen bis in den Mai hinein, also 7-9 Monate. Das Bienenvolk lebt als grosse Kolonie (Familie, Volk) und setzt sich wie folgt zusammen:

Die Königin

Sie kann aus jedem Ei durch intensive Fütterung herangezüchtet werden. Die Königin lebt 3-4 Jahre und wird intensiv (während 24 Stunden) mit Bienenmilch gefüttert. Sie legt jährlich ca. 150 000 Eier.

Der Drohn

ist männlich. Er befruchtet die Königin. Im Herbst werden die Drohnen von den Bienen beseitigt.

Die Biene

ist weiblich. Die Geschlechtsteile sind sehr schwach entwickelt, so dass sie nicht von den Drohnen begattet werden kann. Sie ist für die Nahrung verantwortlich.

Im Winter leben in einem Volk gegen 10 000 Bienen, im Sommer können es bis 50 000 sein. Da die einzelne Biene im Sommer nur ein kurzes Dasein fristet, ist ein grosser Bienenumsatz erforderlich. So kann die Königin pro Tag 1000-2000 Eier Iegen. Das ist mehr als ihr eigenes Körpergewicht. Um diese gewaltige Leistung vollbringen zu können, wird sie während 24 Stunden von den Ammenbienen gefüttert.

Von der Eiablage bis zur ausgewachsenen Biene vergehen drei Wochen. Danach verrichtet sie während weiteren drei Wochen Bienenstockdienst, wie Zellen reinigen, Waben bauen, Bienenpuppen mit Bienenmilch, Honig und Blütenstaub füttern. Es können bis 10 000 Larven sein, die stündlich gefüttert werden müssen. Nach Ablauf dieser Zeit betätigt sie sich nur noch als Sammelbiene, doch schon 14 Tage später ist ihre Kraft verbraucht, und sie verendet irgendwo draussen in der Natur. Es dürften die wenigsten Leute wissen, dass jede Biene bei ihren Sammelflügen nur eine Blütenart anfliegt. Sie wechselt diese erst, wenn eine solche verblüht ist oder abgemäht wurde. So wird nur arteneigener Blütenstaub übertragen (die Blütenstetigkeit der Bienen).

Da die Bienen zu den Warmblütern gehören (ihre Bluttemperatur schwankt von l2-36"C), muss sie für die kältere Jahreszeit Vorräte anlegen . Diese Honigvorräte, die in den Waben angelegt sind, werden vom Imker als fertiger Honig geerntet und geschleudert, um so den Menschen ein gesundes Naturprodukt anbieten zu können. Als Ersatz erhalten die Bienen Zuckerwasser, um Herbst und Winter dennoch gut zu überstehen.

Interview: Vreni Fritzsche

Der Artikel „100 Jahre Bienenzucht in der Familie Weiss“ erschien im März 1985 im Dorfheft „Ottebächler“ Nr.26. Herausgeber: Gewerbeverein Ottenbach


Emil Weiss-Mürner betrieb zusammen mit seiner Frau Tabea den kleinen Bauernbetrieb an der Bachdole in Ottenbach ZH, welchen er von seinem Vater übernommen hatte. Ein wichtiger Erwerbszweig, neben der Landwirtschaft, war die Bienenzucht und davon der Verkauf von Honig.

Emil Weiss-Mürner, mit seinem Rapid-Einachser beim Güllenführen. Quelle: Tabea Weiss








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