Hegetschweiler- Berli Elsa *15. März 1910 - 28. Februar 2006

Aus Ottenbach
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Als wär’s gestern gewesen

Lebensgeschichten von Menschen über 70

AutorInnen: 24 SchülerInnen einer Klasse der Kantonsschule Limmattal

Ein Projekt im Rahmen des Deutschunterrichts bei Gerold Koller 1997 und 1998

Format A4 Ringheftung 258 Seiten


Geschrieben von Seraina Guntern, Ottenbach 1998

Elsa Hegetschweiler-Berli Ottenbach

  • 15.3.1910 †28.2.2006

S' Gmäindsschriber-Elsi

Sitz du nur ab, ich mues no schnäll go verrume, sagt sie und zeigt auf den Stuhl, den sie damals mit der ganzen Schlaf- und Wohnzimmerausstattung mit in die Ehe brachte. Heja, einen neuen Überzug hätte sie sich mal geleistet, aber sonst sei der Stuhl doch immer noch nützlich. Das Bild auf dem Stuhl sei selbstverständlich selbst gemacht, sie sticke nämlich sehr gerne. Willst du mal meine neueste Arbeit sehen? Mit einem Schwung kommt das Handtuch herübergeflogen und landet direkt auf dem Osternest neben mir. Die 87 - jährige Elsa Hegetschweiler kann dazu nur lachen und nimmt das Handtuch wieder zu sich. Es zeigt ein schönes Muster, das sich gleichmässig dem Rand entlangzieht, ähnlich ihrem Leben, das nie von Schnitten, Brüchen gekennzeichnet war. Man muss alles nehmen, wie es kommt, rückwärts schauen bringe nie einen Erfolg. Versonnen schaut sie auf die Chrützlistiche und schweigt. Auf dem Tisch stehen Blumen, daneben ein paar Zeitschriften, das Fernsehprogramm, die Brille. An der Wand hängen Bilder von den Bergen, die grosse Leidenschaft, die ihr Mann mit in die Ehe brachte. Natürlich hatte ich nur Röcke an und als mein Mann und ich so in den Bergen herumstiefelten, wurden wir öppedie schräg angeschaut. Aber es war ein Krampf, das kann ich dir sagen. Ich ha doch nid möge! Mein Mann sagte immer, gleich hinter der nächsten Wegbiegung seien wir am Ziel und das war natürlich nur ein Trick, um mir Mut zu machen. Jaja, da han ich amigs schön brüelet. Aber schön ist es gewesen, allewil. Einmal aber sind wir über den Brünig gefahren. Nach der Abfahrt und einem anschliessenden Hügel konnte ich nicht mehr. Ich stieg vom Velo, setzte mich ins Gras und sagte: So, da blib ich. Ich gang kän Schritt me witer. Sagte er: ,,Du, aber mir müend doch häi! Mir chönd doch nüd dablibä! Chumm, jetz gömmer zersch eis go zieh und dänn luegemer witer." Selbstverständlich kamen die Kräfte wieder. Ja ja, die Männer wissen halt schon, wie sie mit den Frauen umgehen müssen. Sie lacht herzhaft.

Chindheit

Ottenbach, 1910. Elsa Hegetschweiler kommt als viertes Kind der Familie Berli-Hofstetter zur Welt. Praktisch das ganze Dorf bestand aus Berli, Leutert, Hofstetter und Hegetschweiler und so mussten andere Namen her. Der Übername für das kleine Berli-Geschöpf stand bereits fest: „Sigerschte-Elsi“ sollte es heissen, da sein Grossvater einst Sigrist war. Es hät au luschtigi Näme gäh, niemert weiss, wie die entstande sind, zum Bischpil de Chueris oder de Chuerifritzeköbi. - Ja, so bin ich uf die Wält choo und es hät e Ottebacheri meh gha. Ihre Welt bestand damals wie heute aus dem kleinen Dorf an der Reuss, eingeklemmt zwischen den Zürchern und den Aargauern. Zu dieser Zeit zählte das Dorf 1060 Einwohner und alle Ottenbacher waren stolz auf die Seidenfabrik unten an der Reuss, die so vielen von ihnen Arbeit bot. Das Geld für Elsa, ihre älteren Geschwister Adolf, Frieda und Ida und ihre Eltern kam auch von dort unten, da der Vater dort arbeitete. Als die kleine Elsa gerade vier Jahre zählte, brach der erste Weltkrieg aus. Die Männer mussten einrücken und nur Alte' Frauen und Kinder blieben im Dorf. Eine Ausgleichskasse existierte nicht und der magere Sold' den die Väter erhielten, reichte nirgends hin. Dicke Maissuppe, Bohnensuppe und Chabissuppe mit Chabisruebe standen fast immer auf dem Tisch. Und ich han doch, die Chabisruebe nöd gern gha, aber mini Mueter hät immer gseit: ,,Du muesch die ässe, wie di andere au, mir händ kä Gäld für anders!" Die Mutter ging manchmal in die Fabrik, direkt zum Chef und sagte, sie müesi Gäld ha. Einmal reichte es ihm und er sagte zu ihr, dass ihr Mann doch auch Sold kriege. Doch von diesem Sold sah die Mutter gar nichts. Etwa 50 Rappen Taggeld kriegten die Männer - tönt nach wenig, aber alles war ja auch biliger dozmal, ein Vierpfünder Brot kostete nur eisfüfzg. Die Geschwister sagten später immer, Elsa sei von all dem Elend verschont geblieben, sie hätte das ja gar nicht richtig mitgekriegt damals. Das Holz für den Kachelofen mussten die Kinder im Wald holen. Das war eine der aufgetragenen Arbeiten, die Elsa mochte. Ein kleines Leiterwägeli wurde den Isenberg hinaufgeschoben und nach dem Sammeln und Aufbeigen folgte der Abstieg wieder ins Dorf hinunter. Der Förster liess immer genug Äste und sonstiges Holz liegen, so konnten die Ottenbacher ihr Heizmaterial gratis beziehen. All das Holz, wo hüt umeliit... Aber es bruuchts ja niemer meh, wer heizt denn scho nur no mitem Chachelofe? Die Stube war im Winter der einzige geheizte Raum und so war die Familie abends immer beisammen, falls der Vater nicht gerade eine Schießübung hatte. Zu sechst spielten sie oft Eile mit Weile, aber auch Halma, Mühle und natürlich Jassen standen auf dem Programm. Eine richtige Ludothek. - Hä? so seit mer dem also. Das isch eifach öises Familieläbä gsi, früener... Beim Nachbar hat heute jeder seine Musik. Sie hört es oft, das Bumbum. es stört sie auch nicht, sie denkt nur, dass diese einfach alle ganz alleine in ihrem Zimmer sein müssen. Ein eigenes Zimmer kam natürlich nicht in Frage früher. Aber das hätte Elsa auch nicht gewollt, zu schön hatte sie es mit ihrer Schwester, Frieda. Im Winter, wenn es früh dunkel wurde und sie die Mutter um acht Uhr ins Bett schickte, war Elsa froh um die Schwester. Häufig gefror die Bettdecke an das Bett und die beiden Schwestern gaben sich gegenseitig warm. Das isch doch so schön gsi! Näi, nie wett ich das anderscht gha ha! Wenn eines der Geschwister nach der Nachtruhezeit heimkehrte, wurde es usegschlosse. Doch die älteren Geschwister konnten stets auf die kleine Schwester zählen, die dann den Grossen die Tür öffnete und den Tadel einfing. Elsa war stets die Kleine, aber das störte sie nicht besonders. Bloss ein jüngeres Geschwisterchen hätte sie sich gewünscht, zum Bäbispiele aber die Mutter sagte: "Jessesgott, näi, vier langed." Die Mutter erzählte ihr später, dass Elsi als Kind stundenlang auf dem Chachelofen gesessen und mit den Fingern Klavier gespielt habe. Elsa hätte gerne Klavierunterricht genommen, aber zu jener Zeit wagte sie kaum, daran zu denken. Es war doch sonnenklar, dass das Geld niemals für ein Klavier reichte. Doch es ging auch ohne Klavier, die Kinder spielten mit dem, was sie hatten. Auf der Hauptstrasse mitten im Dorf spielte die ganze Ottenbacher Jugend. Nur der Fabrikdirektor und der Vehtokter hatten ein Auto, und so waren die Straßen für die Kühe und die Pferde mit den landwirtschaftlichen Geräten da. Wenn dann ein Auto kam, war das eine Sensation' Eine Postkutsche fuhr nach Affoltern am Albis hinauf (ca. 5 km), aber zu Fuss war es weitaus billiger. Elsas Schwester weigerte sich noch mit 90 Jahren, das Postauto von Affoltern nach Ottebach zu benützen. Gsund seigs und si sig immer gloffe!

Feriä

Als Elsa schulreif war, kam ein elektrischer Kochherd ins Haus. Das war nicht so speziell für Elsa, aber als sie die Ferien bei ihrer Tante in Rifferswil verbrachte, stellte sie erstaunt fest, dass diese noch Kerzen in den Schlafzimmern hatten. Wo doch die Strassenbeleuchtung Ottenbach schon im Jahre 1911 elektrifiziert worden war! Und zu Hause bereits ein elektrischer Kochherd stand! Rifferswil war tatsächlich weit von Ottenbach entfernt (ca.10 km). Aber mir sind amigs no gloffe! Das war der Preis für die Ferien, aber gern nahm Elsa den weiten Weg auf sich. Die Tante hatte einen richtigen Bauernhof mit Heu und Kühen und so und die Ottenbacher Kinder konnten sich austoben und hälfe Puure. Die Tante hatte einen Aprikosenbaum hinter dem Haus und deshalb hatten sie in Rifferswil immer Aprikosenkonfittüre. Aprikosägumfi! Zu Hause standen nur Trübeli- und Himbeerenkonfittüre auf dem Tisch, he ja, das, was der eigene Garten halt hergab, aber diese Aprikosenkonfitüre von Rifferswil war tausendmal besser als die Beerigumfi zuhause. So dänkt mer ebä als Chind. Elsas Grossmutter wohnte bei dieser Tante, da sie alt und invalid war und alleine nicht leben konnte. Ja, a die mag i mi no guet erinnere. Die hät nämli nur no eis Bei gha! Vo de Chnüü abe händs es wägg gnoo, Greisebrand. Frag mi nöd, wie das gange isch, ich weiss es nöd. Das Bild, das Elsa von ihrer Grossmutter in sich trägt ist das von einer alten, ,,festen" Frau in ihrem Korbstuhl. Immer sass sie dort, immer. Bis sie eines Tages starb. Eine der Rifferswiler Cousinen von Elsa wohnt heute auch in Ottenbach. Vos Häberlis vo Rifferschwil eini. D'Frä Schtäli im Rigiblick ussä, kännsch si? Si isch em Haller sini Schwigermueter, em Haller... aso de, wo jetzt eine imTurnverän ischt, dem sini Grossmueter.

Freiziit

Die Freizeit war knapp bemessen. Nur der Mittwoch- und der Samstagnachmittag waren schulfrei. Die Eltern waren aber auf die Mithilfe der Kinder angewiesen. So kam es, dass Elsa oft auf die Strassen und Felder ging um Chüedräck zu sammeln. Der Chüedräck diente als willkommener Dünger für den Garten. Im Winter, wenn der Chüedräck nicht mehr so leicht zu sammeln war, gingen Elsa, ihre Freundin Marti und andere Schulkolleginnen oft schlitteln. Früher gab es mehr Schnee in Ottenbach als heutzutage und die Strassen wurden auch nicht wegen jedem Schneechrönli geräumt und gesalzen. So kam es, dass es eine Riesenschlittelbahn gab, vom Zwillikerhoger bis hinunter an die Reuss, ungefähr zwei Kilometer Schussabfahrt. Das war noch ein Gaudi! Skifahren lernte Elsa erst später, wobei sie vorwiegend auf den Zugerberg ging. Wenn Elsa aber Zeit für sich hatte, las sie Bücher, die sie in der Schulbibliothek ausgeliehen hatte. Mini Mueter häts zwar gar nüd gärn gha. Si hät ebä e Schwöschter gha, wo immer gläse schtatt g'schaffet hät. Do hett si warschindli gmäint, ich werdi au eso. Die Bücher hatten nicht einen so gescheiten Inhalt, Gschichtli halt, erst in der Sekundarschule waren die Bücher gehobener. Das heisst aber nicht, dass sie Elsa mehr faszinierten. Elsa las ihr ganzes Leben hindurch. Auch der Fernseher, der viel später in die Stube kam, verdrängte das iesevergnügen nicht. Wieso das so ist, weiss Elsa auch nicht genau. Das muss man auch nicht wissen.

Gäld

Elsas Vater ging als Kind in die Bezirksschule nach Muri, zu Fuss, wohlverstanden, und nachher arbeitete er in der Fabrik in Ottenbach als Fergger. Was das isch? Tja, frag mi. D'Arbet kontrollierä oder... ich weiss es ä nöd. Der Vater musste jedenfalls den Lohn auszahlen und manchmal klagte er, er müsste dene Wäberä, den Weberinnen, mehr Lohn abfüllen, als er selber verdiene. Ein Papierseckli voll Geld gab es, mit einem Falz zuoberst. Natürlich, dass das Geld nicht herausfliegt! Heutzutage gibt es ja nur noch Kontoüberweisungen, Cheques, das Geld ist so weit weg, das macht einem fast Angst. Aber Elsa Hegetschweiler macht auch heute noch alles selber, das heisst, sie zahlt in bar. Heja, die Banken müssen schliesslich auch nicht alles in die Finger nehmen, die händ sowiso vill z'vill Macht. So tusig, zweitusig Franke träg ich hüt scho ume, ich hebs vo dr Bank ab und gang dann schnuerstracks ufs Poschti und hei. Denn so dumm wie das alte verwirrte Fraueli, das vor ein paar Jahren 50'000 Franken abhob, in einen Plastiksack stopfte und nach Obfelden lief, ist Elsa nicht. Sonnenklar, dass das Fraueli überfallen wurde, bei so viel Geld! Das Ersparte vom eigenen Lohn brachte schon ihr Vater auf die Bank nach Affoltern, näi nie nüt isch verschteckt gsi under de Matratze. Die Bank, das war und ist die Kantonalbank, denn eine andere gab es damals nicht. Mit dem gesparten Geld zahlte der Vater das Haus ab, und die Sparbemühungen lohnten sich, denn Elsas Elternhaus war bereits abbezahlt, als Elsa noch zu Hause wohnte. Elsas Eltern konnten gut haushalten mit dem Geld. Die Mutter sagte immer: ,,Mir chaufed ales erscht, wämer gnueg Gäld händ!" Das het mer immer eso gmacht. Kürzlich hat Elsa am Radio gehört, es gebe Leute, die mit vertlehntem Geld, also aus der Bank vertlehnt, in die Ferien gingen. Da chämt mir aso scho nie in Sinn! Da würd ich lieber dihei hocke! Nattürli isch mer halt früener nöd uf de Baleare oder so gsi, aber wiso au. Das Geld vom Vater reichte für ein normalesLeben, und der Familienzusammenhalt war eben noch etwas wert. Wenn es regnete, zum Beispiel, schickte die Mutter ein Kind mit dem Schirm in die Fabrik, is Loch abe, damit der Vater trocken nach Hause zurückkam.

Untertane

Der Fabrikherr, Herr Hürlimann, wohnte in einer Villa unten im Dorf, die jedem richtigen Ottenbacher auch heute noch ein Begriff ist. Das isch en richtige Herr gsi, no wichtiger als de Herr Pfarrer und de Herr Dokter. Me hät ne nie im Dorf gse, er hät nöd eso verchert mit de gwöndliche Lüüt, er ischt ebä chli besser gsi als mir. Das war füher einfach so und daran gab es nichts zu rütteln. Später, als Elsa sich im Frauenverein im Vorstand engagierte, war Frau Doktor Huggenberg Präsidentin. Si hät nie gseit ,,min Maa", si hät imer gseit ,,de Herr Dokter" au d'Frau Pfarrer hät immer gseit ,,de Herr Pfarrer". Alli händ gwüsst, dass die gschiidi Mane händ, aber si händ das eifach bsunders müsse betone. Frau Huggenberg beschwerte sich einmal, dass es nicht mehr möglich sei, von den Zinsen der Esparnissen zu leben, eine Frechheit sei das, wo es doch früher immer gegangen sei. Da hani schön gschtuunet. Vo Zeise läbe? Natürli hämer höchi Zeisä gha, foif Prozent und no drüber, aber glich. Doch auch Elsa, die nur die Frau eines einfachen Fabrikarbeiters war, konnte aufsteigen und wurde die Präsidentin des Frauenvereins. In dieser Zeit lernte sie das Fräulein Bodmer kennen. Diese war eine Nichte des Fabrikherrn und bewohnte die Villa. Das Fräulein Bodmer lud einmal alle ein, zu ihr nach Hause in das Haus. Me isch immer so ehrfürchtig vor dem Huus verbigloffe, heja, min Vater isch de Untertan gsi vo dem Fabrikherr... und wo si eus iglade hät, komisch isches gsi, wirkli komisch. Und wie wenn Elsa das gar nicht fassen könnte, fügt sie bei: Si isch e Netti und verchert guet mit ois, si grüesst au immer, wirklich immer. Elsa ist von Herzen froh, dass diese Zustände heute veschwunden sind, obwohl, es hät mich nie gross gschtört, es isch eifach eso gsi, und me mues es näh, wie's chunt.

Vater

Im Jahre 1922 wechselte der Vater die Stelle. Diä vom Gmändrat hätten ihn gefragt, worauf er die neue Stelle angenommen habe. Gemeindeschreiber war erst ab diesem Zeitpunkt ein Vollamt, vorher hätte das en Puur gmacht, so nebenbei. Ab diesem Zeitpunkt wurde aus dem Sigerschte-Elsi s'Gmeindsschriber-Elsi und dieser Übername ist ihr bis heute geblieben. Der Vater arbeitete beinahe 20 Jahre zu Hause, erst später, als das Restaurant Leue gekauft und umfunktioniert wurde, zügelte er ins neugeschaffene Gemeindehaus. Der Vater musste viel arbeiten, ja viil z'vill. Der damalige Gemeindepräsiden Hofstetter wohnte im Berg, in der Ruchweid. Der Gemeindepräsident de tobe, der Schreiber dunde im Büro, sonnenklar, wer dann die Arbeit auf sich nehmen musste. Wenn sich die Familie beklagte, sagte der Vater jeweils, de Präsi wohnt halt dort oben, der kann doch nicht wegen jeder Kleinigkeit nach unten ins Dorf kommen! Und somit war die Sache erledigt. Die Anerkennung für seine viele Arbeit bekam der Vater durch die Bevölkerung, die den Gmäindsschriber sehr gern hatte. Als im Jahre 1927 die neue Pontonierfahne unter dem Motto „Glück auf“ - die neue Fahne eingeweiht wurde, vermerkte der Chronist des Pontonierfahrvereins auch Elsas Vater: ,,Als OK Präsident amtete der unvergessliche Heinrich Berli, Gemeindeschreiber, der auch die Festansprache bei der Fahnentaufe in seiner bewundernswerten Art vorgetragen hat. Auch später setzte sich Elsas Vater stets für den Pontonierfahrverein ein. Ausflüge mit der ganzen Familie waren selten. Ein Spaziergang is Holz am Sonntag gab es öppedie oder auch einen alljährlichen Ausflug zur „Pfläger-Kathrin“, einer Wirtschaft in Jonen, wo der Vater die Holzstauden aus dem Wald bezahlte. Bei der „Pfläger-Kathrin“ gab es dann einen Liter Süssmost oder Limonade, welchen sich die vier Kinder und zwei Erwachsenen redlich teilten.

Mueter

Elsas Mutter hatte acht Schwestern und zwei Brüder, von denen der eine schon früh in der Reuss ertrank. Elsas Mutter kam vom Berg, vom Gibel, nahe beim Ottenbacher Wald. Viel habe die Mutter nicht über ihre eigene Jugend erzählt, ausser dass ihre eigene Mutter das Brot eingeschlossenh habe, weil es sonst zu schnell gegessen worden wäre. Elsas Mutter hatte nach den obligatorischen acht Schuljahren keine andere Wahl als in der Fabrik arbeiten zu gehen. Keine von Elsas Tanten lernte einen Beruf, die Fabrik diente ja auch nur zur Überbrückung von Kindheit und Hocheit und diese Zeit ging bekanntlich schnell vorbei. Die Arbeit in der Fabrik war sehr eintönig. Di eint het gwobe, di ander gschpunne.

Gschwüschterti

Auch Frieda und Adolf, Elsas ältere Geschwister, machten nur die obligatorischen acht Schuljahre und gingen dann als erstes in die Fabrik, um das Familienbudget aufzubessern. Di Eltscht, d'Ida, machte zuerst drei Jahre Sekundarschule. Ja, si isch e gschidi gsi, aber ebä - was hett mer wellä? Sie ging aus dem Elternhaus weg. Sie het dienet, als Hausmädchen, zuerst in Zürich, dann in Kreuzlingen und weiss Gott noch wo überall. Ja und denn ghürated, Chind gha. Die Mädchen hatten keine grossen Sorgen wegen ihrer Berufswahl. Wie schon immer dachten alle, dass eine Frau früher oder später ihre endgültige Aufgabe im Haushalt bei den Kindern finden würde und deshalb erübrigten sich „Karrierepläne“ von selbst. Die Burschen hatten da schon die grössere Verantwortung, mussten sie doch später von ihrem Lohn eine ganze Familie ernähren. Handwerker oder Bauern sollten sie werden und wurden es auch. Adolf zog nach der Konfirmation nach Mettmenstetten; er lernte dort den Schreinerberuf- Einen Lehrlingslohn erhielten die Jugendlichen nicht. Elsas Vater musste sogar für Unterkunft und Essen seines Sohnes in der Fremde bezahlen. Nach den Fabrikjahren, welche mit der Konfirmation abgeschlossen wurden, wollte s'Friedi weg von der Fabrik. Sie lernte Schneiderin und ging zuerst zu einer Meisterin in die Lehre. Diese hatte ihr Atelier da in Ottenbach und das preichte sich prächtig, denn im Dorf leben und arbeiten war doch schön. Friedas Lehrmeisterin konnte zwar mit der Nadel, aber nicht mit Geld umgehen. Als sie ihr erstes Kind auf die Welt brachte, hatte sie kein Geld mehr für einen Kinderwagen. Deshalb bat sie Frieda, ihr einen Kinderwagen zu kaufen. Die Lehrtochter der Lehrmeisterin einen Kinderwagen kaufen - da wurde schön gelacht im Dorf. Elsa schwor sich daraufhin, dass ihr das nie passieren würde. Sie begann zu sparen, denn immer würde sie genug Geld für einen Kinderwagen auf der Seite haben wollen! Frieda blieb in dem Beruf und mietete sich später eine Wohnung im Ausserdorf, wo sie mit vier oder fünf Lehrmädchen zusammen schneiderte.

s'Marti und de Alkohol

Während sich die älteren Geschwister mit der Berufswahl und der beginnenden Erwachsenenwelt zu beschäftigen hatten, ging Elsa brav zur Schule. Kindergarten, Primarschule und schliesslich als Krönung die Sekundarschule. S'Marti war ihre beste Freundin; mit ihr war sie praktisch jede freie Minute zusammen. Marti hatte braune Haare wie fast alle im Dorf und gehörte zu den „Blauchrützler“, einer Familie im Dorf die sich als Teil der Organisation Blaues Kreuz verstand. Die Mitglieder verpflichten sich, keinen Alkohol zu trinken, und lebten streng nach christlichen Wertvorstellungen. Me häd si nöd so gern gha im Dorf d'Familie Chäller. Es sind aber rächti Lüüt gsi und oisi Lüüt, also mini Elterä, händ nie nüüt gseit. Elsa lernte dort ja auch nichts Schlechtes und s'Marti war ein nettes Mädchen. Elsa verbrachie viel Zeit bei dieser Familie und mit Marti zusammen besuchtes sie den Hoffnungsbund, die Jugendorganisation des Blauen Kreuzes. Die Familie Keller besass eine Schlosserei und oben im Estrich war das Vereinslokal. Dort erzählte Frau Keller den Kindern Geschichten aus der Bibel oder auch andere, eine Art Sundigschuel. Die Kinder, die kamen, hatten tolerante oder Blauchrüzlereltern. Das Alkoholproblem, dem sich die Blauchrüzler annahmen, war keines derjenigen, wo man sich gerne helfen oder gar dreinreden liess. Öppedie het me Mane gseh, wo höch gha hend, ja es tunkt mi, meh als hüt. Aber bei diesen konnte die Blauchrüzlerfamilie wenig ausrichten, zu klein die Gemeinde und zu gross die Mäuler. Elsas Nachbar, ein Sattler, gehörte auch zu den Fleissigen im Trinken. Ja, de hett vill höch gha, und das hend alli gwüsst. Aber was hett mer chöne mache? Andernorts funktionierte das Konzept der Blauchrüzler besser, zum Beispiel in Küssnacht, wo es ein richtiges Zentrum für Alkoholkranke gab. Martis späterer Ehemann war von dort, natürlich auch ein Blauchrüzler, aber ein richtiger Blaukreuzagent. Ja, si het au rächt gha, so einä z'hütate. Die Einstellung dieser Leute zum Alkohol prägte Elsa sehr. Das isch mer scho miner läbtig nagange, das wägem Alkohol, ja, au min Maa hät sich möse dra gwöne. Ich ha gsät, wäisch, ich ha nie trunke, ich weiss nöd, wie das isch, und überhaupt, ich fang gar nöd aa. Elsa trank nie Alkohol, ausser ab und zu genehmigte sie sich einen Würfelzucker mit ein bisschen Cognac, aber das zählt ja nicht richtig. Unterschrieben habe sie nie nüüt, das habe sie mit sich selber abgemacht, dafür brauche es kein Formular mit einer Erklärung.

Uufklärig?

In der Arbetsschuel hätten sie eines Tages begonnen, ein Korsett anzufertigen. Die Arbetsschuellehreri war ganz bemüht, ihnen die richtige Grösse schmackhaft zu machen. ,,Ihr erweitert euch! Ihr erweitert euch!" sagte sie immer und tippte sich auf den Busen. Die halbwüchsigen Mädchen amüsierten sich köstlich. Der Umgang mit der Sexualität war gar keiner. Das Einsetzen der Periode war für die meisten Mädchen ein Riesenschreck. Als Elsa eines Abends im Bett, das sie mit der älteren Schwester teilte, Blutflecken sah und sie fragte, was denn das sei, sagte diese: ,,Ich weiss doch nöd! Aber gang, sägs de Mueter!". Das war Friedas erste Periode. Die Mutter bemühte sich jeweils, das Geschehene zu erklähren. Kleine Büechli gab es, von einem Pfarrer, und wenn die Zeit reif war, gab die Mutter das Büechli ihrer Tochter. Auch Elsa kriegte ein solches, aber ihre grosse Schwester hatte ihr schon alles erzählt. Eine richtige Aufklärung kannte man früher nicht, wobei die Mädchen immerhin von der Mutter oder der Schwester einen Wink erhielten. Ich has lang nüd überchoo. Ersch z'Mailand, woni bi derä Familie gschaffet han. Ich glaub, mini Mueter het derä Frau, de Signora, gsät, si müsi dänn chli luege, will die hät uf je dä Fall ales debi gha. Binden allein genügten nämlich nicht, es brauchte auch ein passendes Gürtli, an dem die Binden dann befestigt wurden. Wie ihr Bruder zum notwendigen Wissen kam, hat Elsa keine Ahnung. Vielleicht durch ältere Kumpanen bei unanständigen Witzen? Darüber hätte sie sich nie Gedanken gemacht, stimmt eigentlich. Die alte Frau lächelt in sich hinein. Auch in der Schule war nie die Rede von so etwas, aber es hätte Elsa wohl auch nicht besonders interessiert. Ihre Interessen waren anders gelagert, ganz anders. Die Geografie hatte es Elsa angetan. Sie entdeckte, dass die Welt weit und gross ist und dass Ottenbach und ihre bisherige Umgebung eigentlich nicht der Nabel der Welt ist. Wenn sie dann erst mal gross wäre, ein bisschen Geld gespart hätte, dann würde sie die Welt erobern. Fehlt nur noch der passende Begleiter ihrer Träume... Geschwärmt habe sie für einige, en Schüelerschatz hani dänk scho gha, einä, woni het wellä, sogar laut gesagt worden sei der Name zu Hause am Mittagstisch, aber so richtig - nein das wäre nicht passend gewesen.

Sek

Der jährliche Höhepunkt der Schüler war der Schulsylvester. Frühmorgens zogen alle nach Obfelden, wobei Elsa und ihre Kolleginnen immer eine der ersten Gruppen waren, die eintrafen. Lärmend zogen sie durchs Dorf und heckten kleine Streiche aus. Mir händ aso noni gschändet, so wie’s hüt fang tüend. Für die Eltern gab es gegen Mittag noch eine Theateraufführung, die das Schuljahr würdig abschloss. Nach Obfelden in die Sekundarschule gingen lang nicht alle. Vielen war die Schule verleidet oder die Eltern drängten die Kinder zum Geldverdienen. Nur Frieda und Elsa gingen von Berlis in die Sek. Ihr Götti wohnte in Obfelden und so musste Elsa den weiten Schulweg den die heutigen Schüler per Vero zurücklegen, nur zweimal pro Tag gehen, da sie beim Götti Zmittag bekam. Ihre Schulfreundinnen musste sie sich wieder neu zusammensuchen, da jeweils nur wenige in die Sekundarschule gingen. Mit zweien war sie besonders verbunden. Mit dem Anni Hunger, der Pfarrerstochter von Obfelden,und der Julie. Alle drei konnten gut Aufsätze schreiben doch Anni und Julie waren immer die Besten der Klasse. Ich has amigs scho beniidet die zwei. s,Anni isch e gschidi gsi, si hett denn au chöne Lehreri werdä und isch ledig blibe. Das isch no schpeziell gsi, d'Pfarrerstochter blibt ledig, will kän Maa. Anni und Julie waren enge Freundinnen, die sind immer zäme gsi. ,,und Sie sind di dritt im Bund gsi?" Näi, ich ha nüt gha mit de Obfälder, e Fründschaft zwüsche Obfälder und Ottebächler häts nöd geh. Nur im Schuelzimmer simmer zäme gsi.

Herr Huber, de Herr Sekundarlehrer, wie sie heute noch erfürchtig sagt, hätte ihnen Zeichenunterricht und Geschichte gegeben. In der Geschichte sei sie nie gut gewesen, worauf ihr der Lehrer immer sagte: "Dü verschtasch das nöd." Aber wieso sollte sich Elsa für Züg interessieren, das so weit zurück lag? Es hät mi nöd intressiert, drum hanis au nie glehrt! Ja, gsesch mit diesen Kriegen und sonstigem Plunder. Auch das Zeugnis mit einer 4 und einer hochgestellen 3 im Fach Geschichte zeugt von Desinteresse. Ja,"gsesch! Ich han sogar gmänit, ich seg no schlächter... Elsa lacht lauthals. Das Zeichnen lag ihr da schon besser; ab und zu durften sie sogar im Dorf herumlaufen und etwas abzeichnen, mit einem Schtüeli unter dem Füdli und vielen Farben bewaffnet Einige dieser Zeichnungen wurden zu Hause im Zimmer aufgehängt, aber nur sehr wenige.' Das Zimmer war zum schlafen da, deshalb brauchte es keinen Zimmerschmuck und hüt händ di Junge äfangs alles so verschtellt! Das wäre unvorstellbar gewesen früher. Ein Bett, ein Schrank, das genügte. Nein, keinen Schreibtisch, denn die Aufgaben wurden gemeinsam am grossen Stubentisch gemacht. Wenn eines der Kinder nicht weiter wusste, half der Vater. Die Mutter? Jä, nei, si ischt e Huusmueter gsi. Elsa ist ihr immer dafür dankbar gewesen und ist es auch heute noch. Die Mutter kümmerte sich um den Haushalt, natürlich, aber am wichtigsten war ihr doch, dass sie immer für ihre vier Kinder da war, sie hatte immer Ziit nöd eso wie hüt, mit denä Fraue. Ich wet nüt säge, aber mäingisch dänk i doch: wie gat das? Wie söll das gah?

Badzimmer

letzthin habe ihr eine Frau gesagt ,,wäisch, die Alte schtinket immer, aso du nöd, aber fasch all anderä... Da habe sie dieser schön erklärt, wie denn das früher gewesen sei, niemand habe ein Badezimmer mit Kalt/Warmwasser besessen, das WC sei vor dem Haus gestanden und wenn man eine Badewanne gehabt hätte, sei diese nur bei schönem Wetter benutzt worden. Ja,man gewöhnt sich an etwas, gewinnt es lieb und wenn plötzlich alles nach Deodorant und Parfüm und nach Püderli und Wässerli schreien, versteht sie die welt nicht mehr. Ich verschtane das, wenn di Alte da Müeh demit hähd. Die wäsched sich halt immer nur na eimal i de Wuche und findet, es macht nüüt, wänn de Hans nach Hans und s'Trudi nach Trudi schmöckt. Ja, da sei diese Frau dann schön still geworden. Nöd, dass ich si abebutzt han, näi nie, aber me mues doch versueche, alli z'verschtah, z’begriife. Elsa hatte nie Mühe mit diesem neuartigen Sauberkeitsfimmel. Als einer der in Ottenbach liessen ihr Mann Albert und sie 1956 ein Badezimmer einbauen mit allem drin. Sogar einer Waschmaschine. Ja, das isch scho gäbig gsi, aber weisch, mir sind dankbar gsi. Als Elsa noch Kind war, gab es nur ein grosses Badezimmer im Dorf: die Reuss. Jeweils am Samstag schickten die Mütter ihre Kinder mit Waschlappen und Seife zum Fluss hinunter, um die Überschwemmung in der Küche aufs Erträgliche zu beschränken. Einmal pro Woche kochte die Mutter nämlich einen Zuber voll heisses Wasser und wusch darin alles, was schmutzig war: Kinder, Kleider und Binden. Letztere wurden immer wieder gebraucht, will die hebet es paar Jahr. Aber Elsas Mutter hatte immer Angst, wenn die Kinder in die Reuss gingen. Ihr kleiner Bruder war vielen Jahren zuvor in der Reuss ertrunken und diese Angst sass ihr noch immer in den Knochen. Doch sie liess die Kinder gehen, denn was war die Angst einer Mutter gegenüber der Vernunft? Die Kinder lernten ja schnell schwimmen, me het sich eifach möse rode im Wasser und do het mers glehrt. Im Winter war es zu kalt um Wäsche zu waschen. Das war allerdings nicht weiter tragisch, weil sie so vill Waar hatten, dass sie gut einen oder zwei Monate warten konnten bis zur nächsten Wöschete.

Palmsunntig und Oschtermäntig

Das Ende der Kindheit nahte, als die Schule zu Ende ging. Die Konfirmation war ein wichtiger Schnitt, der allen klarmachte, dass nun der Ernst des Lebens definitiv beginnen sollte. Alle Konfirmanden trugen schwarz, die Mädchen ein Sommerkleid, die Knaben ihren ersten Anzug. Zum Abendmahl durfte man nur schwarz kommen und bei der Konfirmation wurden die jungen Erwachsenen offiziell in die Kirche aufgenommen, das heisst, sie durften nun auch das Abendmahl einnehmen. Min Konfirmandeschpruch isch en lange. Aber ich chan en immer no uswändig ufsäge. Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein, Er, der seines eigenen Sohnes nicht verschont Sondern ihn für uns dahingegeben hat wie sollte Er uns mit ihm nicht alles schenken. Ehrfürchtig sagt Elsa die Verse auf. Elsas Schwester war damals Lehrtochter bei einer Schneiderin und nähte Elsas Konfirman- denrock, aber nicht nur diesen. Zum ernsten offiziellen Konfrock gesellte sich der Oschter- mändigsrock, der in seiner Bedeutung das Konfkleid schier überragte. Die Konfirmation war jeweils am Palmsonntag und eine Woche darauf Ostern. An Ostern trugen wir nicht mehr das schwarze Sommerkleid, sondern den farbigen Oschtermändigrock. Näi, kä Bluem druf, nöd so vill Farbe, miinä isch beige gsi, us schwärem Schtoff. Ihr schönstes Kleid war es und an Auffahrt, ein paar Wochen nach der Konfirmation, war Tanzsonntag, an dem die eben konfirmierten das erste mal Tanzen durften – natürlich im Oschtermäntigrock. Das Schwarz signalisierte die Aufnahme in die Kirche, das Farbige die Aufnahme in die Gesellschaft. Als einziges Geschenk bekam Elsa zur Konfirmation eine silberne Uhr geschenkt, die Gotte und Götti bezahlten. Es war Elsas erste Uhr, vorher hatte sie sich an der Stubenuhr zu Hause oder an der Kirchenuhr mitten im Dorf orientiert. Eine Uhr war das übliche Geschenk zur Konfirmation, was wohl auch eine symbolische Bedeutung in sich trug. Mit einer Uhr war man jemand, eine kleine geschenkte Unabhängigkeit Hause und dem Dorfzentrum.

Schaffe

Zuerst war jetzt aber Arbeiten angesagt. Auch Elsa sollte lernen, ihr eigenes Geld zu verdienen und die Arbeitswelt kennenzulernen. Zu diesem Zweck arbeitete Elsa ein Jahr im Depot im heutigen Volg, als Verkäuferin. Zu derä Zät gits nöd vill z'säge. Ich han eifach gschaffet. Den zehnten Teil des Lohnes durfte Elsa für sich behalten, der Rest ging an die Familie, das heisst an die Eltern, denn die Geschwister waren ja alle schon ausgezogen. Das blieb bestehen bis wenige Monate vor ihrer Hochzeit. Für was hani ächt de Zähnti bruucht? Ikehrt simir nie. I d'Ferie simer nie. Ja, wahrschinlich für Schtrümpf und derigi Sache. Elsa kann sich nicht erinnern, dass sie vor ihrer Heirat einmal länger als zwei Tage von zu Hause weg war. Natürlich, die Ferien in Rifferswil, aber da war sie noch ein Kind. Sonstige Ferien - das kam gar nicht in Frage. Zum Glück gab es den Turnverein, der das strenge leben im Dorf etwas auflockerte. Die im Zweijahres-Rhythmus stattfindenden Kränzchen und das Theater waren Höhepunkte sondergleichen. Wenn auch die Dorftältesten anfangs einige Mühe bekundeten, als die jungen Frauen sich erfrechten, die Haare abzuschneiden und das Bein zu schwingen, stellte sich rasch ein flottes Nebeneinander ein. So gehörten die Ausflüge mit dem Turnverein zu den wenigen Gelegenheiten für Elsa, die Schweiz besser kennenzulernen und dem Dorf zu entfliehen. Denn dass ein paar junge Damen auf eigene Faust in die Fremde ziehen würden, war undenkbar. Für das brauchte es einen Mann oder mindestens die Gewähr, dass alles mit rechten Dingen zu- und hergehen würde.

Mailand… Mai-Land

Das erste und letzte Mal, dass Elsa aus der Schweiz ging. Alle ihre Freundinnen aus dem Dorf beneideten die 18 jährige Elsa, die das Glück hatte, neben einer Ottenbacher Familie zu wohnen, die hauptsächlich in Mailand lebte. Die Frau fragte, ob Elsi Interesse hätte an einem Jahr in Mailand... und natürlich hatte Elsi! Die Zugfahrt nach Mailand war sehr lange und die Reise schien ihr unendlich. Die Familie Hegetschweiler wohnte mit ihren zwei kleinen Kindern Laura und Irma mitten in Mailand. Elsas Aufgabe war die Kinderbetreuung der beiden Mailänder, wie Elsa die Kinder nannte. Morgens brachte sie die beiden in die Schweizer Schule und holte sie mittags wieder ab. Dazwischen besorgte sie den Haushalt ging mit der Frau einkaufen und putzte. Alle Tage putzen, abstauben und flumen. Einmal zogen sie in eine andere Wohnung und Elsa hatte noch mehr Arbeit. In den Ausgang ging sie nie, auch lernte sie keine Mailänder kennen, sie war immer zu Hause mit den Kindern. Furtgah, das wär nöd möglich gsi. Ich ha d'Schprach nöd chöne und i derä Zit isch grad de Mussolini ufchoo, näi, elei i d'Schtadt wär vill z'gförlich gsi für so e jungs Mäitli wie mich. Ja, ich het au nöd wellä, was het ich sölle mache, so elei? ,,Hät,s Sie nie agschisse?" Elsa schüttelt den Kopf. Nein, überhaupt nie. Ich kannte die Familie gut und es waren nette Leute. Nur - Heimweh hatte ich. Aber das war nur an Weihnachten und ging dann schon wieder vorbei. Eines der schönsten Erlebnisse waren die Ferien mit dieser Familie am Meer. Die Schulen blieben drei Monate geschlossen und während dieser Zeit fuhren sie ans Meer. Den ganzen Tag waren sie am Meer, gingen baden und hatten eine erholsame Zeit. In dieser Ferienwohnung in ……. hatte es Flöhe. Ui, so vill hani miner Läibtig nie gseh gha und nie meh gseh. Ich han e Hose aghaa und obe es Band, dänn giz doch so Fältli. I denä Fältli häts amigs me als drü Flöh gha! Ou, das hät bisse! Vor allem in den weissen Hosen sah man die schwarzen Punkte besonders gut. Doch mit derZeit gewöhnte sich Elsa auch an das. Vermutlich kamen die Flöhe aus dem Sand und wurden dann in die Wohnung verschleppt. Nur noch einmal nachher traf Elsa die kleinen Tierchen wieder an. Bei einer Theaterprobe, wo sie alte Kostüme verwendeten. ,,Wää!", würd i nöd säge, eifach unagnehm isch es gsi. Das Italienischlernen in Mailand klappte nicht so gut. Nur gerade das Radio sprach italienisch, aber Elsa war eine fleissige Zuhörerin. Noch nie hatte sie ein solches Gerät gesehen, aus dem einfach so aus der Luft Töne kamen. Einen grossen dicken Kopftrörer musste man sich über den Kopf stülpen und schon war man in der grossen, weiten Welt. Dieser Kopfhörer blieb ihr als einer der wenigen Sachen aus Mailand bleibend in Erinnerung. Als ihr Vater später in Ottenbach auch ein Radio kaufte, vergass sie nie mehr dieses Gefühl von Weltverbundenheit, das sie damals in der kleinen Wohnung in Mailand gespürt hatte. Als das Mailand-Jahr zu Ende ging, war Elsa mehr froh denn traurig. Endlich würde sie wieder nach Hause kommen können und alle ihre Freundinnen wieder sehen! Ein Dorf würde wieder ihr zu Hause sein und als Tochter und nicht als Angestellte würde sie leben können.

Wieder dihäime

Der Vater hatte schon vorgesorgt und Elsa eine neue Stelle gesucht. In der Buchdruckerei Schuppli in Affoltern wurde sie Mädchen für alles. Sie gaben eine Zeitung heraus, das ,,Volksblatt,, und wenn alles gesetzt war, musste Elsa die Fehler heraussuchen. Bis in die 50er-Jahe gab es in Affoltern zwei Buchdruckereien, die je eine Zeitung herausgaben. Das ,,Volksblatt,, hatte eine viel kleinere Auflage als der "Affoltemer Anzeiger" und die Buchdruckerei war auch viel kleiner als die Druckerei Weiss, die es bis heute noch gibt und deren ,,Anzeiger“ die vielen Jahre überstanden hat. Elsa weiss nicht, in welcher Beziehung sich die beiden Chäsblettli voneinander unterschieden; zu dieser Zeit gab es ja weder Parteien noch Interessegruppen die sich um die Macht stritten. So sagte man jedenfalls. Von ihrem ersten Lohn durfte sie sich ein Velo kaufen. Das isch nattürli es schöns Fäscht gsi, ich und das neus Velo! Ihre älteren Geschwister hatten kein Velo, da sie in Ottenbach arbeiteten und waren dementsprechend ein bischen eifersüchtig. Das Velo verschaffte Elsa ein kleines bischen Unabhängigkeit, welche sie in vollen Zügen genoss. Elsa wollte nun etwas Rechtes machen, nicht mehr nur so kleine Hilfsarbeiten. Schon immer schrieb sie gerne und Rechnen lag ihr auch nicht schlecht. Sie wollte unbedingt kaufmännische Angestellte werden und ist sehr froh, dass sie ihren Beruf lernen konnte, denn lange nicht alle konnten sich ihre Träume so erffüllen. So kam sie nach Obfelden und machte dort die kaufmännische Lehre in der Uhrmacherei Meier in Toussen, einem Quartier von Obfelden. Drei Räume waren es, en Laade, es Büro und d,Werchschtadt. Die Uhrmacherei flickte viele Uhren von auswärtigen Uhrmachereien und so gab es viel Post und Verkehr. Elsa war für die Spedition zuständig, das heisst, fürs Ineträäge, fürs Ii- und Uuspacke und s'Verschicke. Sie hatte einen eigenen Arbeitsplatz und konnte selbstständig arbeiten. Das isch so schön gsi! Ja, ich bi scho immer gern sälbschtäindig gsi. Woni letschti im Spital gsi bin wäg de Auge, bini mit ere Frau im Zimmer gsi, wo grad di glich Operation gha hät wien ich. Dänn isch e Schwöschter inecho und hät wellä erchläre, wiemer öppis müens mache, und hät ois wellä hälfe. Dänn han ich gseit: Sii, mir chönd das scho sälber mache! Dänn hät d'Schwöschter gseit: ,,.Ah, das isch das Zimmer mit de sälbschtändige Daame!" Elsa lacht glücklich. Ja, das mit de Sälbschtändigkät bini miner Läbtig nie losworde.

Freizit

Die Freizeitvergnügungen spielten sich vorwiegend im Dorf ab. Ging Elsa damals nie, auch später nicht, und einfach so nach Zürich fahren am Samstagabend wie es heute die Jugendlichen tun, kam nicht in Frage. Es wäre wohl auch niemandem in den Sinn gekommen, auch nur daran zu denken. Im Dorf gab es einen Turnverein, ja sogar einen Frauenturnverein, der mit Kämpfen unter der Federführung von Elsas Schwester Friedi geboren wurde. Grundsätzlich gab es zwei Vereine im Dorf, welche für junge Frauen etwas boten: der Töchter- oder Frauenchor und neu der Frauenturnverein. Elsa war nie im Töchterchor, obwohl sie gut und gerne sang. I zwe Verein hät mer nöd chönne, me hetts eifach nöd gmacht. Elsa entschied sich für den Frauenturnverein, nicht unbedingt wegen den Turnübungen, sondern viel mehr wegen den Tanzanlässen und den Reigen. Marti, Elsas Schulfreundin, war es nicht erlaubt, an diesem Vergnügen teilzuhaben. Ihre Eltern hätten das nie erlaubt, was Marti auch nicht störte. Als sie um die 20 war, heiratete sie und zog weg. Elsa hatte sich andere Freundinnen zu suchen, welche sie schnell fand. Sie war nicht die einzige Tanzversessene, doch stets war sie unter den letzten, wenn es ums Aufhören ging. Pro Jahr gab es vier Tanzsonntage, schön über das Jahr verteilt. Im Restaurant Post hatte es einen richtigen Tanzsaal und dort ging dann im warsten Sinne des Wortes die Post ab. Ich ha minere Mueter gseit, ich hüroti nie einä, wo nöd chön tanze. Da hät mini Mueter gsäit, ich seg es Babi, das seg dänk nüd s'Wichtigscht! Aber ich ha gseit, moll, das isch wichtig! Mit dem Turnverein zusammen wurden viele Feste organisiert, und so lernten sich die Ottenbacher Männlein und Weiblein auch besser kennen. Manche dieser Bekanntschaftlen mündeten im Hochzeitshafen. Viel anderes blieb gar nicht übrig. Entweder man heiratete jemanden vom Dorf, im Ausnahmefall vom Nachbardorf, oder man zog in eine andere Gegend und lernte dort jemanden kennen, oder man blieb ledig. Auf keinen Fall wollte Elsa ledig bleiben. Eine Familie wünschte sie sich, so wie sie selber eine gehabt hatte, Mann, Frau und ein paar Kinder. Doch wie das vor sich gehen sollte, wusste sie nicht so genau. Es grosses Fäscht hämer gha, und ich het söle sone Ehrädaame sii. Aber ich ha nöd wellä, uu nei, nie het ich das wellä sii... Wäisch wiso nöd? Bi de Präsverleig händ d'Ehrädaame de Siger immer müese drei Küss uf d'Bagge geh.... Elsa lacht, bis ihr schier die Tränen kommen. ...und ich ha doch gmeint, ich werdi schwanger vo denä Küss!

Albert

Am Schurain in Ottenbach wohnte Elsi mit ihrem Albert

Füärhauptme-Auguscht hatte zwei Söhne, Ernst und Albert. Ernst war ein paar Jahre äilter als Albert und war Kunstturner. Albert war immer ein bischen eifersüchtig auf Ernst, der mit seinem Körper so tolle Sachen machen konnte. Aber auch Albert konnte sich dem Turnen nicht ganz entziehen und besuchte den Turnverein, wo er aber immer im Schatten seines grossen Bruders stand. Zum Glück heiratete der grosse Bruder bald und zog mit seiner Frau nach Dietikon. Albert konnte nun seine eigenen Interessen entwickeln und so entschied er sich fürs Tanzen. Natürlich isch das kei Entscheidig gsi, das isch eifach so cho, er hät eifach gern tanzet. Sein Vater starb, als er noch klein war, und die Mutter versuchte zuerst noch, den Bauernhof alleine weiterzufahren, gab dann aber auf. So wuchsen die beiden Söhne ohne Vater auf und da der ältere bald einmal wegzog, blieb der Mutter nur noch ein einziger Sohn, den sie über alles liebte. Albert war zwei Jahre älter als Elsa und ging nicht mit ihr in die gleiche Klasse. Sie lernte ihn erst viel später kennen, als sie einen Tanzpartner brauchte. Auf der Chilbi im Oktober oder nach dem Chränzli im Dezember waren sie stets zusammen. Ja, mir sind di letschtä gsi, immer hämer zäme tanzet und ebä, dänn simer do halt dänn mitenand gange. Das isch eifach eso cho, mir isch es rächt gsi. Bald darauf, an Weihnachten 1937, verlobten sich Elsa und Albert. Albert wollte unbedingt ein Wochenende auf die Rigi - nur mit Elsa. Ich ha gseit, dass chönd mir doch nöd mache, das erlaubed mir mini Elterä nie! Ja, do hät er dänn schön pfuteräd. Ich seg 27- gi und sowiso scho fasch sini Frau. Das war ihr erstes gemeinsames Wochenende. Ausser ein paar gemeinsam verbrachten Sonntagen hatten Elsa und Albert nicht viel Kontakt miteinander. Hüt händs eifach die Verhüetigsmittel und drum chönd di Verliebte immer zäme sii. Mer het sich halt scho nöd eso guet känegleert, das hani dänn schpöter bereut - wäisch, min Maa isch en Vergwönte gsi. Elsa war bereits 27 und stand mitten im Berufsleben. Die Arbeit in der Uhrmacherei gefiel ihr und mit den Eltern kam sie gut aus. Die Mutter riet ihr von der Heirat ab: ,,Was wetsch du au hürote? Jetz häsches du so schön. Du verdiensch din äigne Lohn, en rächte Lohn, häsch e gueti Stell - was wetsch au härote." Aber ich ha gseit, ich wells jetz nüme schön ha, und da hani spöter mäingisch müse zruggdänke a dä Satz.

D’Schwigermueter

Die Hochzeit mit dem schönen weissen Kleid und den Kutschen wird Elsa nie mehr vergessen. Prächtig segs gsi, alles Erschparti sig drufgange. Aber es lohnte sich, denn eine Kutschenfahrt und das anschliessende Fest im Postsaal darf sich ja jeder einmal leisten. - Flitterwochen? Näi, mir nöd. Es hät derig geh, wo das gmacht händ, aber mir nöd. Elsa hatte anderes zu tun. Sie musste sich vorerst in die neue Rolle der Ehefrau einleben, was gar nicht so einfach war, denn mit dem geliebten Bertel kam auch die Schwiegermutter mit ins Haus. Eifersüchtig wachte d'Mueter über das Wohl ihres Jüngsten und liess keine Gelegenheit aus, sich mit der Schwiegertochter anzulegen. Elsa kämpfte einen einsamen Kampf, denn Albert schien zwischen den Frauen hin und her gerissen zu sein und konnte weder auf die eine noch die andere verzichten. Ich säg der eifach eis: Muesch's sälber wüsse, aber nie, nie meh würd ich mit ere Schwiegermueter under eim Dach me wohne wellä, nie, nie meh! Immer das Gschtürm! Ich han nüme in Fraueturnverein me dörfe - das macht mer nöd als Frau - ich han immer i d'Chile müsse am Sunntig und alles hät immer suuber müsse sii. In den wenigen Ferien, die Elsa bezog, hatte sie das Haus zu putzen, 14Tagelang! Wohlverstanden, Elsa mag Ordnung. Nichts wäre ihr so peinlich, wie wenn ein Besucher einen staubigen Kachelofen entdecken würde. Aber diese Schwiegermutter! ,,Konnten Sie sich denn nirgendwo anders entfalten? In einem anderen Gebiet, ausserhalb dem Einfluss ihrer Schwiegermutter?" Näi. Ich han mich ersch chöne entfalte, wo si gschtorbe isch. Aber da bini scho über sächzgi gsi.

Huusmueter?

Elsa liebte Kinder über alles. Sie ist Gotte von stattlichen sechs Kindern und ihr Fotoalbum ist gefüllt mit Fotos von Werner, Hans, Ernst, Hansruedi, Max und - ich ha gseiit nur wänns es Meitli wird - Hedi. In all der Freude über ihre Nichten, Neffen und Gottenkinder, deren Zahl ständig wuchs, merkte Elsa, dass sie einfach nicht schwanger wurde. Ob es an ihr oder dem Mann lag, weiss sie noch heute nicht, abgeklärt wurde das nie. Kinderlosigkeit war damals ein Scheidungsgrund, doch Albert sagte, ,,dänn händ mir halt kei Chind", und so war das Thema ad acta. Eine kleine Weile lang hatte Elsa Mühe, dieses Schicksal anzunehmen, doch de Herrgott wird scho wüsse, wiso mir käi Chind überchoo händ. Villicht hett ichs nöd chöne erzieh, wer weiss. So ging Elsa arbeiten, wie ein Mann. Sie konnte weiterhin bei der Familie Meier in Toussen arbeiten und hatte ihr eigenes Bürotischchen am Ende der Fensterfront. Die Arbeit machte ihr Freude und verschaffte ihr Genugtuung, mit der sie zu Hause nicht gerade überschüttet wurde. Sogar die Ferien waren dazu da, der Schwiegermutter zu beweisen, dass sie eine wahre, tüchtige Hausfrau war: Elsa machte den Frühlings-, Sommer- und Herbstputz. Alles wurde herausgeputzt, gewienert und gebohnert, wie es sich gehört. Elsas Eltern wussten wohl, wie es ihrer Tochter droben im Schuelrain erging, aber Elsas Entscheidung war es gewesen und die sollte sie nun auch ausbaden. Lichtblicke boten die Wochenenden mit ihrem Mann in den Bergen. Albert war SAC-Mitglied und ging so immer auf viele Touren, und ab und zu nahm er auch seine Frau mit. Elsa war ein kleines Unikum in dieser Männerdomäne, aber sie behauptete sich recht. Sie mochte die Berge und die Landschaften. Ja, mir sind wohl fasch überall gsi i de Schwiiz. Albert konnte im Unterschied zu seiner Frau gar nichts mit dem Ausland anfangen. ,,...denn das Gute liegt so nah..." war sein Leitspruch und alle Bitten von Elsas Seite, ob er nicht einmal mit ihr ins Ausland käme, tat er mit der Begründung ab, er vertrage die fremde Nahrung nicht. Elsa lächelt. Nur en Uusred, aber er isch halt eifach gern dihäi gsi. Wer wett, s im verarge? Ich sicher nöd. Ich han's au andersch chöne, simer halt dihei blibe. Die Arbeit in Obfelden gefiel ihr ja. 1996 gab die Familie Meier ihr Geschäft auf. Elsa konnte das fast nicht begreifen. Bi ois isch doch das Gschäift guet gloffe! Mir händ immer foif, sächs Arbeiterinne gha. Ich bin gärn det gsi, mir händ es guets Verhältnis gha. Und ietzt musste Elsa das in derZeitung lesen. Es schmerzt sie, obwohl ihre Pensionierung schon über 25 Jahre zurückliegt.

Politik

Albert arbeitete bei der Wagi in Schlieren, war dementsprechend ein richtiger Arbeiter. Kän Puur wie fasch alli z'Ottebach. Eines Tages kandidierte also dieser Arbeiter für den Gemeinderat Ottenbach. Parteien gab es damals noch keine - bewahre - und die Sitze im Gemeinde rat wurden am Stammtisch ausgejasst. Als nun Albert Hegetschweiler im Jahre 1950 seine Kandidatur anmeldete, war, war mit dem Frieden im Dorf. Bösi Gschichte hät's do geh, en Rote sig er und anderi bösi Sache, eis Grücht am andere. Im zweite Wahlgang isch er usegheit. Das setzte Albert hart zu und s’ erscht und’s erscht und einzig mal zog er ernsthaft in Betracht, sein geliebtes Heimatdorf zu verlassen. Elsa redete ihm gut zu und so blieben sie im Dorf, welches Elsa einst verlassen wollte, um neue Welten zu entdecken. Das Komische war, dass vier Jahre darauf dieselben, die die grösste Klappe gegen Bertel geschwungen hatten, ihn für den Gemeinderat nominieren wollten. Tatsächlich wurde Albert dann gewählt und blieb acht Jahre im Gemeinderat. Dass sie anders waren als die vielen Bauern im Dorf, war Elsa bewusst; dafür stand sie auch ein - bis heute. Ich bin eifach degäge, dass mer denä Puure so vill Subventione ieschtopft! Min Maa isch en gwöhnliche Arbeiter gsi und uf die nimmt au niemert Rücksicht. Zägg, werdäts entlah, und die a de Börse froied sich. Das isch eifach ungerächt! Me mues sich für di würklich Schwache iisetzä, das isch mini Meinig. Elsa findet es auch gut, dass man heutzutage über den Zweiten Weltkrieg und die Rolle der Schweiz in dieser Sache nachdenkt. Mer hät gwüsst, dass es da so Mänschetransport gäh het. An der Grenze, in Basel. Wagen voller Leute, die hineinwollten, wo hetted sölle ine choo und mer hät si eifach abgschobe. Elsa denkt, es sei wohl viel passiert, was die Schweiz besser nicht gemacht hätte. Damals wusste sie, dass die Italiener und die Deutschen zusammen arbeiteten und dass diese zwei gegen die Amerikaner waren, aber das war dann bald alles, was offiziell verkündet wurde. Der Rest kam über Gerüchte, übers Radio, das manchmal Sonderbeiräge sendete. Eine kurze Zeitlang waren auch internierte Polen in Ottenbach, die aber bald wieder weg mussten. Die Wagi in Schlieren war zum Glück auf Albert angewiesen, da sie Flugzeugbestandteile produzierte. Deshalb war er nicht so häufig abwesend und Elsa musste sich auch nicht um ihn sorgen. Ja, ich bi dankbar.

Epilog

So läbt mer dur all die Jahr. Im Juli 1994 starb Elsas Mann, 85-jährig, und seither lebt sie alleine in dem Haus, in welches sie Ende der 20er-Jahre zog. Näi, ich cha mich nöd beklage, ich han es guets Läbe gha! Elsa ist froh, dass sie nicht an meiner Stelle ist und alle diese grossen Veränderungen mitmachen muss. Das Computer-Züüg zum Bischpil! Mehr und mehr fühlt sie sich auch in ihrem Dorf fremd; jetzt wollen sie sogar noch die Wiese hinter ihrem Haus, auf der anderen Seite des Schulrains, mit Einfamilienhäuschen vollstopfen. Ich mache sie darauf aufmerksam, dass auch das Reihenhaus meiner Eltern einmal ein wüste Baugrube war und ihr den Blick auf das Schulhaus für immer verunmögliche, was sie lächelnd zur Kenntnis nimmt. Ja, so isches halt, alles veränderet sich. Aber mini bald 40-jährig Wöschmaschine wird's no tue, solang ich läbe. Ich säg ire immer: Gäll, du lasch mich nöd im Schtich!

Dank

Ich möchte Frau Elsa Hegetschweiler herzlich danken für das Vertrauen, das sie mir entgegengebracht hat und für die vielen unterhaltsamen Stunden, die ich gemeinsam mit ihr in ihrer Stube verbracht habe.


Seraina Guntern



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