Ein Wochenende im Aletschwald

Aus Ottenbach
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Ottebächer Nr. 147 Juli 2008

Villa Cassel
Eindrücklicher Aletschgletscher
Peter Eichhorn mit Birkhahn. Der fehlt in der Ottenbacher Fauna!
Vater und Tochter vor dem UNESCO-Welterbe Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch

Als Abschiedsgeschenk für meine langjährige Tätigkeit im Ottenbacher Naturschutz schenkte mir der Gemeinderat ein „Birkhahn- Weekend“ im Pro Natura Zentrum Aletsch, auf der Riederalp, für zwei Personen. Da meine Frau Margrit aus gesundheitlichen Gründen nicht mitreisen konnte, begleitete mich meine Tochter Andrea. Schon die Bahnfahrt am 14. Juni 2008 über Göschenen- Andermatt nach Mörel war ein Erlebnis. Die Unterkunft und das Essen im Naturschutzzentrum Villa Cassel auf 2100 m ü.M. liess nichts zu Wünschen übrig. Das Wetter spielte mit und so konnten die vorgesehenen Exkursionen am Samstagnachmittag und am frühen Sonntagmorgen durchgeführt werden. Die Birkhähne stellten sich wie bestellt zum Tanz auf. Wir unsererseits stellten die Fernrohre auf. Die Exkursions-Gruppe von 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmern kam voll in den Genuss des Tanzspektakels. Der eindrucksvolle Aletschurwald und der Eisstrom des riesigen Aletschgletschers rundeten das Naturerlebnis ab. Fachlich begleitet wurden wir von der, allen Fragen gewachsenen Biologin, Agneta Heumann.

Herzlichen Dank dem Gemeinderat (und dem Steuerzahler) für das schöne Geschenk!


Eine Aussicht wie auf einem Kalenderblatt!

Der Blick ist einzigartig: Im Vordergrund das dunkle Grün der Arven und im Hintergrund der weiss schimmernde Aletschgletscher. Nicht nur der riesige Eisstrom, sondern auch der direkt an seinem Rand gelegene Aletschwald ist etwas Spezielles. 1933 wurde das rund 410 Hektaren grosse Naturreservat durch die Naturschutzorganisation Pro Natura unter absoluten Schutz gestellt. Über die vielfältige Tier- und Pflanzenwelt wäre viel zu berichten. Ich beschränke mich aber auf zwei Spezialitäten: Die Arve und das Birkhuhn.

Die Arve: Ein Baum mit Charakter!

Zwei Merkmale kennzeichnen die Arve (Zirbelkiefer): Sie ist ausserordentlich widerstandsfähig und wird unglaublich alt. Ihre Widerstandskraft, die sich unter anderem in der verdrehten und knorrigen Wuchsform äussert, verdanken die Arven dem Harz, das auch für den typischen Geruch dieser Baumart verantwortlich ist. Wird eine Arve durch äussere Einflüsse verletzt, verhindert das ausfliessende Harz sofort eine zusätzliche Schwächung durch andere Schädlinge wie Pilze oder Insekten. Die Arven wachsen im Aletschwald ausserordentlich langsam: Ein 3 bis 4 Meter hoher Baum kann durchaus schon ein Alter von 60 bis 80 Jahren aufweisen! Das langsame Wachstum kompensieren sie aber mit einer hohen Lebenserwartung. Untersuchungen haben ergeben, dass die Arven des Aletschwaldes mindestens 600 bis 700 jährig werden. Mit grosser Wahrscheinlichkeit bringen es einige Arven sogar noch auf ein deutlich höheres Alter - im Aletschwald begegnet man damit wirklich den ältesten Bäumen der Schweiz.

Der Birkhahn, ein stolzer Tänzer

Ein typisches Beispiel aus der Vogelwelt des Aletschwaldes ist das Birkhuhn. Es bewohnt offenere Waldbestände als das Auerhuhn und hält sich besonders gern dort auf, wo sich die Wälder gegen oben hin in Moore oder alpine Weiden auflösen; in der Schweiz sind das vor allem Zwergstrauchgesellschaften an der oberen Waldgrenze. Zum Überleben benötigt es die darin vorkommenden Heidel- und Moorbeeren sowie Alpenrosen, da es sich zu einem grossen Teil von deren Blättern, Knospen und Früchten ernährt.

Bei den Birkhühnern kümmern sich die Hähne nicht um Nestbau und Brutpflege. Zu ihren eindrucksvollen Balzspielen finden sich Birkhähne bereits im April ein, einen Monat früher als die Hennen. Auf dem Balzplatz springen sie, laut mit den Flügeln schlagend, in die Höhe und rufen dabei zischend "tschuwi", dann tragen sie untereinander Scheinkämpfe aus. Später kommt es auch bei den Hennen manchmal zu einem Wettstreit. Versucht ein Hahn in die Mitte des Platzes vorzudringen, wo er die besten Chancen zur Begattung von Hennen hat, kann aus dem Spiel Ernst werden. Die Balzplätze liegen meist an einer offenen Stelle mit nur niedriger Vegetation und werden in der Regel Jahr für Jahr wieder benutzt. Alte Hähne nehmen oftmals im Herbst die Balzspiele an diesen Plätzen erneut auf. Der Bruterfolg hängt stark von der Witterung ab; während in warmen, trockenen Sommern viele Junge aufkommen, gehen bei kühlem und niederschlagsreichem Wetter die meisten Küken ein. Zunehmende Erschliessung und Erholungsbetrieb an der Waldgrenze sowie die Vergandung bedeuten weitere Gefahren für den Birkhuhnbestand.

Im Aletschgebiet trifft man die Birkhühner noch recht häufig an und mit etwas Glück lassen sich während der Balzzeit im Frühling die eindrücklichen Tänze der Hähne beobachten. Unserer Exkursion war dieses Glück beschieden, wenn auch knapp: Nach der Rückkehr von der gelungenen Sonntagmorgenexkursion schneite es stundenlang - ununterbrochen!

Peter Eichhorn


Das Pro Natura Zentrum Aletsch, 3987 Riederalp

Das Umweltbildungs- und Informationszentrum ist seit 1976 in der, im viktorianischen Stil erbauten, Villa Cassel aus dem Jahr 1903 untergebracht. Es wird auch als „Tor zum UNESCO- Weltnaturerbe Jungfrau- Aletsch-Bietschhorn“ bezeichnet.

Quellen:

www.pronatura.ch/aletsch

http://www.vogelwarte.ch/de/voegel/voegel-der-schweiz/birkhuhn.html

Schweizer Brutvogelatlas 1998

Literatur zum Thema:

Laudo Albrecht: Aletsch – eine Landschaft erzählt. Vierter Band der Reihe „Die Reichtümer der Natur im Wallis. Rotten Verlags AG Visp, 1997


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Aktualisiert 2015