Ameisen, Lungenenzian und Moorbläuling

Aus Ottenbach
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Kleiner Moorbläuling

Maculinea alcon

Ameisenbläuling

Enzian- Ameisenbläuling

Zum Verwechseln ähnliche Art: Maculinea rebeli, diese braucht aber eine andere Enzian- und Ameisenart

Falter

Glaucopsyche_alcon- Moorblaeuling

35- 40 mm

Männchen Oberseite dunkelblau, schmaler, schwarzer Flügelrand, ohne *Postdiskalflecken.

Weibchen Oberseite dunkelbraun, meist ohne blau Schuppen, mit blauer *Wurzelbestäubung. Schwach sichtbare Postdiskalflecken Unterseite beide hellgrau mit schwarzen, weissumrandeten Flecken

Verbreitung in der Schweiz: Tiefliegende Streue- Riedwiesen mit Vorkommen von Lungen- und Schwalbenwurzenzian. Fundorte bis 900 m.ü.M bekannt

Hauptflugzeit CH= Juli

Paaren sich sofort nach dem schlüpfen

Die Weibchen fangen am Ende des ersten Lebenstages mit dem Eierlegen auf den Lungenenzian an

Die Falter können gut einen Monat alt werden, viele von ihnen kommen aber schon in der ersten Stunden nach dem Schlüpfen um, so dass ihr durchschnittliches Lebensalter in Freihheit nur etwa fünf Tage beträgt.

Lungenenzian

Godivelle-Gentiana-Pneumonanthe - Lungenenzian

Lungenenzian (blau, bis 40 cm hoch) *Gentiana pneumonanthe, mehrjähriges Kraut mit schmalen, lieneal- lanzettlichen Blättern und 4 bis 5 trichterförmigen Blüten. Meistens tief Azurblau, mit fünf grün punktierten Streifen an der Innenseite. Blüht vom von Juli bis September bei 19 – 25 Grad. Braucht besonnte Standorte, nebst ausreichender Feuchtigkeit. Die Blüten sind proterandrisch, d.h. die Staubbeutel entwickeln sich vor den Narben, wodurch Fremdbestäubung unterstützt wird. Diese erfolgt durch Hummeln und Falter. Bei kühler Wetterlage ist Selbstbestäubung nicht ausgeschlossen. Die Frucht ist eine zweiklappig aufspringende Kapsel, entlässt zahlreiche, spindelförmige, etwa 1,5 mm lange Samen. Verbreitung durch den Wind oder Anhaften an Menschen und Tieren. Ältere Pflanzen verzweigen sich bodennah, bilden aber keine Ausläufer. Die Ausbreitung und Vermehrung erfolgt also ausschliesslich über Samen und nur auf unbewachsenem Boden, z.B. bei alten Feuerstellen, und Brandplätzen oder Torfstichen.Die bis 50 cm hohe Pflanze braucht Licht und somit den Riedschnitt, der die Verbuschung verhindert. Weil der Lungenenzian relativ spät blüht, würde ihm und dem Moorbläuling ein zu frühes Mähen schaden. Die Eier würden mit dem Schnittgut weggeführt. Es gilt zwischen Schnitt und Stehenlassen abzuwägen.

Foto rechts: Die kleinen weissen Punkte auf dem Lungenenzian sind die Eier

Ei-Beschreibung

Eier weiss, auf grossen Pflanzen 200 bis 400 auf Knospen und Blättern. Ausschliesslich auf Pflanzen die Blütenknospen haben. Pro Blüte Maximum 4 bis 6 Stück. Kann vom M.rebeli- Ei nicht unterschieden werden. Einzig die Ablage auf verschiedene Enzianarten verhindert Verwechslungen.

Etwa ½ mm gross

Jungraupe

Die Räupchen schlüpfen nach ca. 4- 10 Tagen, je nach Temperatur und bohren sich in die Blüte und fressen Staubbeutel, Fruchtknoten und Samen. Sie sind am Anfang 2-3 mm gross. Ernähren sich von den Blütenteilen 2 bis 3 Wochen. M. Alcon und M. rebeli häuten sich in dieser Zeit 2-mal und werden zum Schluss etwa 8-9 mm lang. Hell- rötlich mit schwarzem Kopf.

Adoption

Nach der letzten Häutung lässt sie sich kurz vor der Dämmerung auf den Boden fallen und wartet auf „ihre“ Ameisen*. Die Raupe verfügt über spezielle Porendrüsen, aus denen sie flüchtige Duftstoffe, so genannte Pheromone, absondert. Diese «Sozialhormone» dienen im Allgemeinen dazu, bei anderen Artgenossen eine bestimmte Reaktion auszulösen. Interessanterweise ist das Pheromongemisch der Bläulingsraupe aber nicht auf ihre Artgenossen ausgerichtet, sondern auf die Knotenameisen. Beim Zusammentreffen mit der Knotenameise scheidet die kleine Raupe zusätzlich aus einer speziellen Honigdrüse auf dem Rücken eine wässrige Zuckerlösung aus, welche von der Ameise begierig aufgeleckt wird und ihr Interesse an der Raupe noch deutlich steigert Das wirkt bei dem Myrmica Ruginodis so gut, dass sie die Raupe ohne bestimmtes Ritual in ihr Nest abschleppen. Wird sie nicht gefunden, verhungert sie.

Knotenameise

Myrmica.ruginodis, Knotenameise

Myrmica ruginodis

Die Wirtsameise des Kleinen Moorbläulings ist die Knotenameise.

Das Fachgebiet „Ameisen“ ist sehr gross. Eine einfache Beschreibung der Knotenameise wird noch gesucht. Im 1987 erschienenen Buch „Tagfalter und ihre Lebensräume“ sind die Maculineaarten und ihre Wirtsameisen sehr ausführlich beschrieben. Auf jeden Fall kann sie in einer Riedwiese zusammen mit dem Lungenenzian vorkommen, vor allem wenn die Ameisen genug Sonne bekommen. Im Flachmoor Bibelaas, 8913 Ottenbach, Schweiz, wurde 1992 diese hoch spezialisierte Art noch gefunden. 2007 konnte blühender Lungenenzian gefunden werden, nicht aber der kleine Moorbläuling. Ob die Ameisen durch die zwei grossen Reusshochwasser 2005 und 2007 vernichtet wurden, kann nicht festgestellt werden. Auch vor 1992 wurde das Bibelaas unregelmässig bei Reuss- Hochwassern überschwemmt.

Raupe im Nest

Im Nest angelangt beginnt die Bläulingsraupe sogleich, die Fürsorge der Knotenameisen auszunutzen: Sie verspeist mit grossem Appetit die kleineren Ameisenlarven in ihrer Umgebung und wird auch von den Ameisen gefüttert. Bald übertrifft sie diese an Grösse.

Auch im Nest zeigt sich, dass das Pheromongemisch, welches die Raupe des Kleinen Moorbläulings ausscheidet, am höchsten entwickelt ist. Im Gegensatz zu den Raupen der drei anderen Bläulingsarten wird sie nämlich unablässig geleckt und gepflegt. Stets hat sie eine Traube von Arbeiterinnen um sich versammelt. Indem sie sich aufrichtet und mit ihrem Kopf «wackelt», kann sie diese sogar dazu bewegen, sie mit Speisebrei zu füttern.

Gefahr für die Raupe im Ameisennest

Noch raffinierter allerdings sind die Schlupfwespe Ichneumon eumerus und andere Arten. Die Schlupfwespe braucht für ihre Nachkommen die Larven des Bläulings, die wohlbehütet im Ameisennest leben. Dazu muss sie zuerst herausfinden, in welchem Ameisennest eine Moorbläuling- Raupe lebt. Dann dringt sie ins Nest ein und muss da die Bläulingsraupe finden.

Den Zugang zum Nest verschafft sich die Wespe mit einer anderen Strategie als der Moorbläuling. Sie scheidet nämlich beim Eintreten das Alarm- Pheromon der Ameisen aus, welches diese veranlasst, miteinander zu kämpfen. In der allgemeinen Aufregung kann die Wespe ihr Ei in die Raupe legen und unbehelligt aus dem Nest entwischen. Aus dem Ei schlüpft eine Larve, welche die Schmetterlingsraupe langsam von innen her auffrisst. Nicht parasitisierte Falter und Wespen wachsen im Nest auf; die Ameisen merken nicht, wenn sie schlüpfen und sich an die Erdoberfläche begeben. Es ist bis heute nicht klar, welche Gegenleistung die Ameisen für ihre "Gastfreundschaft" bekommen.

Überwinterung, Verpuppung

Am Sommerende, wenn die Temperaturen fallen, verlangsamen sich sämtliche Vorgänge in den Knotenameisenkolonien. Schliesslich kommen sie ganz zum Stillstand. Auch die Bläulingsraupen unterbrechen dann die Nahrungsaufnahme und ruhen. Die Raupe stellt die Nahrungsaufnahme ein und lebt von angefressenem Fett. Sie schrumpft bis 50 %.

Die steigenden Temperaturen im Frühling erwecken dann die Ameisen und die Raupen gleichermassen zu neuem Leben. Im Frühsommer schliesslich verpuppen sich die Raupen wenige Zentimeter unter der Nestoberfläche, im so genannten „Solarium“ worauf sich unter der starren Puppenhülle die umwälzende Verwandlung von der Raupe zum Falter ereignet. Die nach etwa drei Wochen ausschlüpfenden Falter müssen auf dem schnellsten Weg den Ameisenbau verlassen, da sie nun kein Gastrecht mehr geniessen. Zum Schutz vor den aggressiv gegen sie vorgehenden Ameisen ist ihr Körper mit wolligen Schuppen bedeckt, die in den Kiefern der ehemaligen Gastgeber zurückbleiben, wenn sie zubeissen. Nach dem Verlassen des Ameisenbaus pressen die jungen Falter Luft und Blutflüssigkeit in die Adern ihrer noch weichen, zerknitterten Flügel. Binnen kurzer Zeit sind dieselben gestreckt und erhärtet.

Nun können die Bläulinge ihren ersten Flug unternehmen - und ihren bemerkenswerten Lebenszyklus von neuem beginnen.

Jahreszeitliche Entwicklung

Falter Ende Mai bis Mitte August Ei Juli bis 3. Woche August Raupe Januar bis letzte Woche Mai und Mitte Juli bis Ende Dezember Puppe Mitte Mai bis 2. Woche Juli

Quelle: Grafik im „Tagfalter und ihre Lebensräume“ S.364

Die Maculinea- Arten verbringen demnach den grössten Teil ihres Lebens im Ameisennest. (ca. 10 ½ Monate)


Eine ähnliche Lebensweise wie der Moorbläuling hat der Helle Wiesenknopf-Ameisen-Bläuling

https://de.wikipedia.org/wiki/Heller_Wiesenknopf-Ameisenbl%C3%A4uling

Fremd- und Fachwörter

  • Gentiana pneumonanthe: Gentiana= Enzian, pneumonanthe= Lungenblüte
  • Lepidopterologie= Schmetterlingskunde
  • Pheromon= Von Tieren und von Menschen abgesonderter Duftstoff, der Stoffwechsel und Verhalten anderer Individuen beeinflusst
  • Rote Wiesenameise= Myrmica
  • Myrmica-Ruginodis= Knotenameise
  • Wurzelbestäubung: Vom Körper gegen aussen auslaufende Färbung der Flügel
  • Bezeichnungen der Flügelregionen bei Schmetterlingen:

Vom Körper her gegen Aussen: Basalregion, Diskalregion,*Postdiskalregion, Submarginalregion


Quellen:

"Ottebächler" Nr. 146, Mai 2008. „Warum gerade Tagfalter“. Seite 51 ff. Informationsheft des Gewerbevereins und der Gemeinde 8913 Ottenbach

"Der Kosmos Schmetterlingsführer" 1980

"Keiljungfer und Knabenkraut" Stiftung Reusstal, CH- Rottenschwil 2007

Gefahr für die Raupe im Nest. Ornis, Nr.3, Juni 2008 im Artikel "Von Ameisen lernen", Seite 4-8, von Donat Agosti

"Tagfalter und ihre Lebensräume". Schweizerischer Bund für Naturschutz 1987

Zusammenstellung: Peter Eichhorn CH 8913 Ottenbach. 2008. Ergänzungen und Korrekturen an peter.eichhorn@gmx.ch


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Aktualisiert 1/2021

Ergänzungen und Korrekturen an peter.eichhorn@gmc.ch


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