Ottenbacher Geschichten und Sagen

Aus Ottenbach
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Tödlicher Hagelschlag am 5. Juli 1591

Schon früher gab es extreme Unwetter, wie aus diesem alten Bericht hervorgeht.

So überzog am 5. Juli 1591 um 5 Uhr abends, ein vom Aargau über den Albis an den Zürichsee und ins Grüninger Amt (entspricht etwa dem Zürcher Oberland) reichender „erschrocklicher“ Hagelzug das Land, der Dächer, Brunnen Reben, Kornzelgen schädigte, „das an etlichen Orten die Samen "kum rarvon kommen“. Zu Ottenbach (Kanton Zürich) fielen Hagelgeschosse von 2 Pfund Gewicht und noch grössere nieder, an einigen Orten seien die Schweine auf dem Feld getötet worden, „die Hirten desgleichen“. „Es ist zugedencken, dass er [der Hagel] uff die vorgehenden Fäljar [vorangehende Fehljahre] vil arme Lüten gemacht habe. Gott seye uns allen gnädig, Amen“

(Quelle: Sigg 1994, erschienen in der Zeitschrift „Schweizer Garten“ 7.2020. Mitgeteilt von Igor Razza/Fritz Egger)


Ottenbach und seine Gewässer zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Ausschnitt aus der von J.Häusermann erwähnten Wildkarte 1:25 000

Erinnerungen von Jacques Häusermann Teil 1

Erschienen im Anzeiger aus dem Bezirke Affoltern am 11.März 1988

Vor einiger Zeit hat mir Jacques Häusermann aus Winterthur eine sehr lesenswerte Schilderung der Reusstalgemeinde Ottenbach zu Beginn unseres Jahrhunderts zugesandt. Mit seinem Einverständnis drucken wir seine Ausführungen in drei Teilen ab. Der erste Teil handelt von Wasser und Gewässern, der zweite von alten Flur- und Familiennamen sowie von Erlebnissen im Religionsunterricht, der dritte einerseits vom langen Schulweg zu Fuss samt Gesprächen, die unterwegs geführt wurden, und von Gastarbeitern, die vor dem ersten Weltkrieg in Ottenbach weilten.

Mit Jacques Häusermann sprach Bernhard Schneider, Ottenbach

Jacques Häusermann, geboren 1904, ist in Ottenbach aufgewachsen. Als Industriechemiker arbeitete er im Ausland, bevor er 1947 als Lehrer für texilchemische Fächer an die Chemieabteilung des Technikums Winterthur berufen wurde. Der erste Teil des Textes von Jacques Häusermann lautet wie folgt:

„Jeder Zeitabschnitt hat sein besonderes Gepräge. Dieses Besondere äussert sich vielleicht nur in Kleinigkeiten, aber manchmal sind diese Kleinigkeiten das Salz in der Suppe, interessanter für den Leser als wichtigere statistische Daten. So seien nachfolgend einige Gegebenheiten von Ottenbach festgehalten. Ich glaube nicht, dass sie in einer Chronik oder einem Tagebuch niedergeschrieben sind. Vieles erhält sich eine bestimmte Zeit vom „Hörensagen“ und versinkt dann mit den Generationen in der Nacht der Vergangenheit.

Die Reuss

Die Flussufer um 1910 sind noch nicht mit Steinquadern gefasst. Die Ufer werden häufig unterspült und brechen ein; es entsteht Landverlust. Diesem Landfrass sucht man mit Querwehren oder Wuhren zu begegnen. Wehre aus Pfählen und Faschinen quer zur Strömung, 2 bis 3 m vom Ufer in den Fluss hinaus. Einesteils ist das gut für den Angler, den in den Hinterwassern tummeln sich schöne Hechte, andernteils ist es strömungstechnisch höchst ungünstig und ein grosser Fehler; der Wasserlauf wird gebremst und die Überschwemmungsgefahr bei Hochwasser wächst.

Es mag im Jahr 1910 gewesen sein, als die ganze Reussebene mit Wasser bedeckt war und man den Weiler Birri im Ruderboot hätte erreichen können. An Stelle von Ottenbach hätte man früher dem Dorf ebenso gut den Namen Fröschweiher oder Froschhausen geben können. In warmen Sommernächten war im Dorf ein tausendstimmiges Froschkonzert zu hören. Stundenlang tönte es da-da-da-da, die Tierchen schienen zu melden, hört nur zu, wir sind da, auch wir sind da. Mit diesem Konzert ging man zu Bette und schlief ein. Am Morgen beim Aufwachen war der Gesang zu Ende, um am Abend wieder zu beginnen. In den Sümpfen lebten auch zahlreiche Wasservögel, und an Störche kann ich mich gut erinnern. Ich mag 4 bis 5 Jahre alt gewesen sein, als ein Storchenpaar sich auf dem Kirchturm niederlies. „Sie wollen nisten, sie wollen nisten“ riefen die Leute. „Dummes Zeug, wie den? Auf dem schmalen First?“ sagte Schmid Leutert. Heute gibt es in Ottenbach kein Froschkonzert mehr, man hat den Amphibien den Lebensraum genommen. „Das Mass aller Dinge ist der Mensch“, hiess es früher einmal. Heute gibt es etliche die meinen „Das Mass aller Dinge ist die Natur“, und dies wohl mit Recht, denn der Mensch ist bloss ein Teil der Natur.

Mühleweiher und Ziegelhütte

Vor dem ersten Weltkrieg bestand noch der Mühleweiher, aber die dazu gehörende Mühle mahlte nicht mehr. Der Weiher wurde von den Dorfbächen gespeist. Dort, wo der Tobelbach und der Lättenbach zusammenfliessen, gab es eine Wasserentnahme. Das Mühlebächlein führte dann über die Wiese in einem Rohr unter der Muristrasse durch, und endete im Mühleweiher.

In der Wildkarte von 1843/51 ist nur noch eine Mühle eingezeichnet, dazu diejenige von Rickenbach. Bei der eingezeichneten Mühle in Ottenbach, scheint es sich um diejenige zu handeln, welche mit Reusswasser betrieben wurde.

In der gleichen Karte ist im unteren Dorfteil eine Ziegelhütte aufgeführt. Dieser muss ein Brennofen angegliedert gewesen sein. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts bestand diese Ziegelbrennerei nicht mehr. Beim Graben im umliegenden Boden aber kamen zahlreiche Bruchstücke von Ziegeln zum Vorschein. Diese Ziegel waren sogenannte Biberschwanzziegel. Zu welcher Zeit die Ziegelherstellung eingestellt wurde ist mir nicht bekannt, aber es gab noch Leute, die in der Ziegelhütte gearbeitet hatten und erklären konnten, wie die Längsrilllen in den Ziegeln (zur Erleichterung des Abflusses des Regenwassers) gemacht wurden. In der weichen Tonmasse fuhr man mit der (oder den) Fingerkuppe(n) unter Druck über die Ziegel.

Von Brunnen und Bächen

Ich erinnere mich an mindestens 8 laufende Brunnen in der Gemeinde: Einer stand an der Steinernstrasse, einer oberhalb des Salzrains, zwei unterhalb des Salzrains, einer bei der alten Ziegelhütte, einer beim Haus „Mühle“, gegenüber der Weberei, einer vor dem neuen Schulhaus, einer vor der abgebrochenen Sennhütte (Dorfplatz). Wie viele dieser Brunnen bestehen noch? Wenn sie noch stehen, spenden sie noch Wasser? Ein Brunnen plätschert, begleitet im Leben, ist etwas Lebendiges. Das gleiche gilt von einem rauschenden Bach, gewiss aber nicht, wenn er unsichtbar in einem unterirdischen Rohr verschwindet. Eine Quelle hängt mit der Erdformation zusammen.

Durch Drainage der Feuchtgebiete, hat man seinerzeit die Quellgebiete entsumpft und den natürlichen Wasserfluss gestoppt. „Der Mensch das Mass aller Dinge?“ Durch das Sterbenlassen der Brunnen hat man den Gemeindegliedern etwas genommen, ein Stück Heimat. Vielen mag diese Behauptung etwas übertrieben erscheinen. Was aber wäre, wenn man die Reuss umleiten, trockenlegen würde? Je nach Temperament würde dann vielen Ottenbachern die Galle platzen oder sie würden ihr Leben lang tiefe Seufzer ausstossen.“


Die Erinnerungen von J. Häusermann sind als Zeitungsausschnitte in der Heimatkundeabteilung der Regionalbibliothek Affoltern a.A. einsehbar.

Bearbeitung für Wikipeter: Peter Eichhorn, 30.6.2019


Weiterführende Artikel im Wikipeter:

Ottenbach - Dorf an der Reuss

In dieser Rubrik sind viele Artikel, welche im Zusammenhang mit "Ottenbach und seine Gewässer" stehen: u.a. über die 7 Quellreussen im Gotthardgebiet, sehr ausführliche Artikel über die Geografie und Hydrologie der Reuss, die Geschichte der Brücken über die Reuss von Sins bis Bremgarten, über Schupfwuhren, Konfessions- und Güterkonflikte ,über die Personen- und Güter- Reuss-Schifffahrt, Literatur und Hinweise", u.a.m.


Bäche in Ottenbach In diesem Artikel sind alle Ottenbacher Bäche beschrieben


Flur- und Familiennamen – vom pfarrherrlichen Selbstverständnis

Erinnerungen von Jacques Häusermann Teil 2

Erschienen im Anzeiger aus dem Bezirke Affoltern am 15.März 1988

Im ersten Teil seiner Darstellung von Ottenbach zu Beginn unseres Jahrhunderts, befasste sich der 83jährige Textilchemiker Jacques Häusermann, der in Ottenbach aufgewachsen ist, mit Wasser und Gewässern. Am Anfang dieses zweiten Teils seiner Ausführungen stehen Bemerkungen zu Flur- und Familiennamen.

Mit Jacques Häusermann sprach Bernhard Schneider, Ottenbach


Flurnamen

"Die Herkunft alter Flurnamen ist faszinierend. Welcher Wurzel entstammen Namen wie: Isenberg, Gom, Haarrissen, Bibelaas, Letten, Marxen, Lanze, Lunnern, Wolsen, Toussen?

Die Sage, dass der Name Isenberg von einer römischen Gottheit Isis abstamme, hat sich erhalten. In der Wild- Karte von 1843 ist am Isenberg ein Punkt "Röm(ische) Alt(erthümer)" eingezeichnet. Es muss also dort ein verschwundenes Bauwerk gestanden haben.

In der gleichen Karte ist ein kleines Wäldchen, "Eiholz", beim Stampfenbächli gegen Jonen eingezeichnet. Dieser schöne, kleine Wald mit prächtigen Buchen und Föhren bestand zu Anfang unseres Jahrhunderts noch und wurde viel aufgesucht. Nur hiess das Wäldchen bei uns nicht Eiholz, sondern Mei- oder Maiholz. Dies ist so zu erklären, dass man in Mundart dann mit der Zeit das «Meiholz“ wurde.

Familiennamen

Ich führe dies an, um glaubhaft zu machen, dass die mundartliche Bezeichnung öfters Abwandlungen erfahren kann; als Beispiel sei der Familienname Lüthard - Leuthard - Leutert aufgeführt.

Alteingesessene Ottenbacher Geschlechter, deren Namen in mehreren Familien auftraten waren: Berli, Gut, Häberling, Hegetschweiler, Leutert, Schneebeli, Sidler.

Zur Unterscheidung der einzelnen Familien wurde ein Ortsteil oder sonst etwas Bezeichnendes angehängt. So gab es einen Marxen-Heiri, einen Letten-August, einen Lanze-Gusti, eine Berli-Familie hiess s Rudels (wohl von Rudolf), eine Gut-Familie s Alten Gut's. S Rübelwäbers wohnten im Ölberg und woben früher ein Gewebe, das man "Rübel" nannte. Dann gab es die Hauptmanns, die Statthalters (beide mit Namen Hegetschweiler), die Quartierhauptmanns Sidler, usw. usw.

Wie aber hingen die Familien zusammen, welche die Nebenbezeichnung Chasper, Chäper, Chapen trugen und alle nahe beisammen wohnten? ln Abb. 6 der Gemeindegeschichte von Ottenbach erkennt man eine ältere Frau, die «Müller-Chäpeni“ genannt wurde. Ob sie tatsächlich Müller hiess, ist mir nicht bekannt. Kaum 50 m weiter, aber auf der linken Seite des Tobelbaches, wohnten die Chapen- Geschwister (Geschwister Sidler) und etwas weiter aufwärts des Baches der Chäper- oder Musergusti (Hegetschweiler). Gegenüber den Chapen-Schwestern wohnten die Stehli-Chapers (Hegetschweiler) die wohl nur mit Stehli bezeichnet wurden, weil sie nahe der Metzgerei Stehli wohnten. Diese besonderen Familienbezeichnungen dürften aber nicht besonders typisch für Ottenbach sein. Wohl jedes Dorf hatte früher ähnliche Unterscheidungen.

Pfarrherren

Welch dominierende Stellung die früheren Pfarrer auf dem Lande - und dies sowohl vor als auch nach der Reformation hatten , ist heute unvorstellbar. Sie ist am besten mit derjenigen eines tyrannischen Familienvaters zu vergleichen, der sich nahezu alles erlauben kann. Vieles ist wahrscheinlich gar nie an das Tageslicht gekommen, aber es hat – und das muss auch gesagt werden, vielleicht auch gute Ausnahmen gegeben.

Brennend könnte interessieren, was sich die Gemeindeglieder beim Anhören der frommen Predigten gedacht haben. Der Geistliche von der Kanzel predigte Milch und Wasser und selber trank er Schnaps. Einer wird die Faust im Sack gemacht haben, ein anderer hat sich vielleicht den Buckel voll gelacht. Wahrscheinlich ist, dass das schlechte Beispiel von oben die allgemeine Moraldekadenz begünstigte.

In meiner Jugendzeit waren die Pfarrherren äusserst würdige und auf mich etwas weltfremd wirkende Herren. In der Sekundarschule gab es auch Religionsunterricht. Pfarrer Hunger erzählte etwas von Babylon und Belsazar und stellte eine Frage dazu: «Was meinen Sie, Sidler?» fragte er. Sidler in der letzten Reihe, war eingeschlafen und hörte nichts. Der Herr Pfarrer näherte sich Sidler und klopfte ihm mit einem Lineal leicht auf die Achsel. Sidler reagierte nicht. Leichtes Klopfern auf den Kopf: "Sidler, was habe ich gefragt?" Sidler streckte auf und rief laut: "Der Herr der Heerscharen». Alle lachten, nur Pfarrer Hunger blieb ernst."


Die Erinnerungen von J. Häusermann sind als Zeitungsausschnitte in der Heimatkundeabteilung der Regionalbibliothek Affoltern a.A. einsehbar.

Bearbeitung für Wikipeter: Peter Eichhorn, 1.7..2019


Weiterführende Artikel im Wikipeter:

Wie Jacques Häusermann erzählt, hatte er nur gute Erinnerungen an die Pfarrer. Sicher war ihm auch Pfarrer Robert Heinrich Oehninger bekannt und zwar wegen dem Buch "Die Bestattung des Oskar Lieberherr". Als junger Pfarrer im Knonauer Amt (Ottenbach, Pfarreinsatz 29.Aug.1948) wurde er vor das Problem der Abdankungen gestellt, bei denen die Wahrheit verschwiegen werden musste. Ein Dorfgewaltiger war im Rausch verunglückt. Aus Robert Oehningers Gewissenskampf entstand sein Erstlingswerk «Die Bestattung des Oskar Lieberherr».(1966) Das Buch schlug ein und wurde sogar verfilmt. Robert Heinrich Oeninger war von 1948 bis 1959 Pfarrer in Ottenbach

Weiterlesen bei Oehninger Robert Heinrich 1920-2016


Übernamen,Spitznamen, Beinamen in Ottenbach

Unter diesem Titel hat Fridolin Egger, Salzrain 16, Ottenbach, am 26. März 2010 an der Generalversammlung des Gemeindevereins im Neuhofsaal Ottenbach einen Vortrag gehalten. Es ist sicher die umfassenste Arbeit, die je dazu gemacht wurde. Etwa 65 (in Worten Fünfundsechzig!) Namen sind aufgelistet mit der dazugehörenden Erklärung. Zu jedem Namen ist zudem eine Fotografie des Wohnhauses des Namensträgers beigefügt. (Digital) In Ottenbach sind nur noch sehr wenige, allgemein bekannte Zu- und Übernamen im Gebrauch. Die Träger und Kenner sterben, neue Zunamen die absolute Ausnahme. Letzter Termin also für diese interessante Arbeit!


Mehr Informationen in Buchform:

Ottenbachs Bevölkerung im Wandel der Zeit April 1986

Bernhard Schneider, Historiker, Ottenbach

In seinem ersten "Ottenbacher Buch" schreibt Bernhard Schneider unter dem Titel "Ottenbacher Pfarrherren" ausführlich über das Tun und Lassen der Pfarrer von Ottenbach

Erhältlich in der Gemeindekanzlei Ottenbach ZH


Erinnerungen an den gemeinsamen, langen Schulweg zu Fuss

Sekundarschulhaus Obfelden/Ottenbach in Obfelden. Einweihung am 9. Mai 1885

Erinnerungen von Jacques Häusermann Teil 3

Erschienen im Anzeiger aus dem Bezirke Affoltern am 12.April 1988

In den ersten beiden Teilen seiner Schilderung der Gemeinde Ottenbach zu Beginn unseres Jahrhunderts, hat sich Jacques Häusermann mit den Gewässern und Brunnen der Gemeinde, Flur und Familiennamen, dem Religionsunterricht befasst. In diesem dritten Teil kommen zwei weitere Themen zur Sprache, den Anfang machen einige Erinnerungen an den gemeinsamen, langen Schulweg.

Mit Jacques Häusermann sprach Bernhard Schneider

Der lange gemeinsame Schulweg

„Auch nach der Gründung der Sekundarschule in Obfelden im Jahre 1886 gingen etliche Schüler (reformierte) in die Bezirksschule Muri. Hatte die einen besseren Ruf als Ausbildungsstätte? Zusammen mit dem Joner- Trupp machten die Bezirksschüler täglich den langen Fussmarsch nach Muri und zurück.

Übrigens gab es damals auch eine einspännige Pferde-Postkutsche von Ottenbach nach Muri, die aber kaum von den Schülern benutzt wurde. Eine zweispännige Kutsche verband Affoltern über Ottenbach nach Bremgarten, vor der Einführung der Postautokurse.

Für uns Sekundarschüler galt es, zwei Mal pro Tag, den Weg Ottenbach-Obfelden unter die Füsse zu nehmen. Velos als Fortbewegungsmittel waren für uns eine ganz grosse Seltenheit. Komisch mutet es mich heute an, dass Buben und Mädchen für sich wanderten. Rechnet man für die einfache Strecke ca. 2 ½ km, ergibt sich eine tägliche Marschleistung von gut 10 km.

Der lange, gemeinsame Schulweg ergab die Gelegenheit, ausgiebig zu diskutieren. Während des 1. Weltkrieges waren die Herren Lehrer öfters im Aktivdienst. Vielfach hatten wir nun eine Verweserin, meistens jung und auch hübsch. Wir waren im Pubertätsalter und fantasierten auf dem Schulweg. Der Bertel meinte einmal, das Fräulein rieche so gut, von der würde er sogar das Waschwasser trinken. Der Bertel hatte immer Durst und bei jeder Brunnenröhre machte er halt und nahm einen Schluck. „Blöde Siech“, meinte Köbi, „die muss doch auch, jeden Morgen, wie du“. Man könnte dem Fräulein einige verfängliche Fragen stellen, meinte Köbi, dies solle lieber der Bertel tun, es wirke viel natürlicher, er selber sei schon viel zu gross. Zum Beispiel möchte er gerne Wörter kennen, die nie im Französischbuch vorkommen. Gewisse Wörter hingen ihm zum Hals heraus, bei „quelque chose“ denke er immer an Geldgeschosse, bei „hurlement“ denke er an den Fabrikherrn Hürlimann von der Seidenweberei und wenn der Lehrer sage „cela suffit“, denke er an eine Flasche Most. Der Köbi ging schon in die 3. Sekundarklasse, aber im Juni verschwand er von der Schule, er musste beim Heuen helfen.

Diese Gespräche von uns hatten wohl auch einen tieferen Sinn.Wir spürten unbewusst, dass das Französisch unserer Lehrer nicht ihre Muttersprache war und etwas Künstliche an sich hatte. Wir waren Schüler und mussten etwas lernen was unsere Lehrer nicht lebendig weitergeben konnten.

Gastarbeiter

Ansichtkarte um 1910 mit Ottenbacher-Motiven. Links mit Riegel das von J. Häusermann erwähnte Kosthaus, ein Mehrfamilienhaus mir sechs einfachen Wohnungen für die Fabrikarbeiter.

Gastarbeiter gabe es schon vor dem 1.Weltkrieg. Im Nachbarhaus der damaligen Bäckerei Bolliger im Unterdorf, wohnten von Frühling bis Herbst 3 oder 4 Italiener aus der Lombardei oder dem Piemont, von Beruf Maurer und uns Kindern als Francesco, Antonio, Pietro bekannt. Sie wohnten ohne Frauen und im Herbst reisten sie in ihre Heimat und im Frühling kamen sie wieder zurück. Es waren ruhige, freundliche Leute und in der Nachbarschaft gerne gesehen. Sie waren auch geschickte Angler, besassen riesige, lange Angelruten und ich habe oft diesen und jenen mit einem grossen Hecht von der Reuss zurück kehren sehen.

Die Gastarbeiter sprachen nur gebrochen Deutsch, unsere Italienischkenntnisse beschränkten sich, wie übrigens fast jedermann, auf die Sprüche „Pregasi di non sputare nella carozza“ und „E`pericoloso di sporgesi“. Das waren Sprüche, die in fast allen 3. Klasse-Wagen der SBB damals auf Emailschildchen angebracht waren und jedem Bahnfahrer Sprachkenntnisse vermittelten.

Als Gastarbeiter konnte man auch gewiss Spezialweber der Seidenstoffweberei bezeichnen. Die Firma stellte damals ein sehr feines und regelmässiges Gewebe her, das man mit "Beuteltuch" bezeichnete. Dieses Gewebe wurde (oder wird) zum Beuteln oder Sieben von Mehl verwendet. In neuerer Zeit ist es ein wichtiger Artikel für den Siebdruck (Serigraphie) geworden. Die zugezogenen Spezialisten in der Ottenbacher Firma kamen aus der Ostschweiz und wohnten mit ihren Familien im sogenannten Kosthaus neben der Fabrik. Sie hiessen Niederer und Maffli und sind später wieder aus Ottenbach weggezogen.

Die damalige „Zürcher Seidenstoffweberei, vormals Bodmer und Hürlimann“ besass ausser dem Betrieb in Ottenbach noch grössere Zweigbetriebe in Bäch am Zürichsee, in Waiblingen (Baden-Württemberg) und in Fossano im Piemont. In diesen Betrieben arbeiteten sporadisch auch Angestellte aus Ottenbach. Ausserdem bestanden kleinere Zulieferbetriebe der Ottenbacher Fabrik in Muri und Mellingen.Die Firma war also nahezu das, was man heute als „Multi“ bezeichnete und der grosse Zusammenbruch der Firma in den 30er Jahren hat auf die Ottenbacher Bevölkerung äusserst deprimierend gewirkt, denn fast jede grössere Familie hatte Angehörige, die in der Fabrik arbeiteten."


Die Erinnerungen von J. Häusermann sind als Zeitungsausschnitte in der Heimatkundeabteilung der Regionalbibliothek Affoltern a.A. einsehbar.

Bearbeitung für Wikipeter: Peter Eichhorn, 1.7..2019


Weiterführende Artikel im Wikipeter:

Weberei Haas - Bodmer - Hürlimann



Der „Globus“ in Ottenbach ZH

Das "Depot" der LGO

Wenn in den guten alten Zeiten sich einmal eine Ottenbacherin oder ein Ottenbacher nach Zürich wagte, so musste unbedingt ein Besuch im Warenhaus Globus dabei sein. Die Landwirtschaftliche Genossenschaft Ottenbach hatte zwar, 1941, einen neuen Laden eröffnet, aber der Globus in Zürich war das Ziel aller Einkaufsträume.

Warum ein „Globus“ in Ottenbach?

Bis 1966 existierte keine richtig geregelte Kehrichtabfuhr in Ottenbach. Zu diesem Zwecke erfolgte die Gründung des Zweckverbandes für die Kehrichtverwertung im Bezirk Affoltern. 1968 wurde die Kehrichtverbrennungsanlage in Zwillikon in Betrieb genommen. (1985 Ausserbetriebnahme) Ab diesem Zeitpunkt konnte der „Güsel“ (gebräuchlicher Name für Abfall) endlich legal entsorgt werden. Vorher hatte jede Gemeinde einen oder mehrere Abfallplätze („Güselplätze“) oder Gruben. Meistens wurden ehemalige Kiesgruben, alte Gräben in der Reussebene oder tief gelegene Streueflächen aufgefüllt und anschliessend mit Humus überdeckt. Aus den Augen - aus dem Sinn, aber ganz der Normalfall!

Wie aus den Inseraten und Fotos ersichtlich, lag damals der „Güselplatz“ jenseits der Reuss, zwischen Reuss und Kanal. Hauptsächlich am Samstag war der „Entsorgungstag“ (damals ein unbekannter Ausdruck) Zu Fuss, mit Velos und Leiterwägeli wurden in Kübeli, Körben und Kesseln gesammeltes Material auf den Güselplatz gebracht. Bauschutt wurde zum Überdecken verwendet. Es wurde zwar weit weniger Material weggeworfen als heute, aber doch ein rechtes Sammelsurium an Grüngut, (auch ein damals unbekannter Name) Holz, Metall, Papier und vieles andere mehr, eben ein kleines „Warenhaus Globus“.

Wer zum ersten Mal in Ottenbach das Synonym „Globus“ für den Güselplatz brauchte, ist nicht überliefert, doch der Name war so im Sprachgebrauch verankert, dass sogar die politische Gemeinde den Namen „Globus“ verwendete. Nach der Einführung der offiziellen Kehrichtabfuhr, waren die namentliche Verflechtung mit dem Warenhaus Globus zu Ende. Mit den Globuskrawallen von 1968 hatte die Ottenbacher Jugend nichts am Hut.

Der Güselplatz „Globus“ wurde im Rahmen der Reusstalsanierung abgeräumt und steht heute den Reusswanderern als Parkplatz zur Verfügung.

Nachtrag: Auch das Gebiet der heutigen Parkplätze der „Fabrik Haas“ wurde als Schuttablagerungsplatz gebraucht, auf den Fotos gut ersichtlich.

Peter Eichhorn Januar 2019


Schwarzer Kater

6.2008 Das Rest. Engel wird renoviert

Wer kennt nicht den Engel in Ottenbach? Ein aussergewöhnlicher Riegelbau mitten im Dorf. 1956 aussen sorgfältig renoviert, war er danach lange Zeit die Visitenkarte des Dorfes. Die verrauchte, niedrige Gaststube im Parterre gelegen (mit Blick durchs Fenster direkt auf die Beine der auf der Strasse gehenden Dorfschönen), das Säle im 1.Stock, die gut gehende Metzgerei mit Schlachthaus; ja fast wie ein kleines Dorfcenter, neudeutsch ausgedrückt. Das vor 1743 erbaute Gebäude überstand drei Dorfbrände. Ein altes Tavernenrecht sicherte dem jeweiligen Wirt verschiedene Vorrechte zu.

Nun, in der neueren Zeit ist es, trotz verschiedener Umbauten, und Verbesserungen in betrieblicher Hinsicht, nach kurzer Blüte immer mehr abwärts gegangen mit dem Engel. Die Wirtschaft ist wegen Konkurs geschlossen und, wer weiss, wird der ehemals stolze Fachwerkbau ein Schandfleck mitten im Dorf.

Weniger bekannt ist sicher, dass die obersten Stockwerke des für Ottenbach doch recht stattlichen Hauses gar nie ausgebaut wurden, sei es, dass kein Bedürfnis vorhanden war, oder dass das liebe Geld fehlte. Möglicherweise liegt der tiefere Grund auch in einer höchst seltsamen Begebenheit, die sich ums Jahr 1802 ereignet haben soll. Die Historie ist eine Nacherzählung, wie ich sie von meinem längst verstorben Vater gehört habe. Er wiederum hat sie zur vorgerückten Stunde am Stammtisch im „Löwen“ (jetzt Gemeindehaus) von einem alten Ottenbacher gehört.

(Nachtrag: Inzwischen (2015)wurde der "Engel" Renoviert und Umgebaut. >>>Engel Restaurant

Schwarzer Kater

Feierabend! Küefer- Ruedi legte sein Werkzeug zur Seite und räumte gewissenhaft seine Werkstatt auf. Ein Schlummertrunk war wohl verdient, aber wo? Der nahe liegende Engel war seit drei Wochen geschlossen. Die Obrigkeit in Zürich hatte die Schliessung verfügt. Streitigkeiten wegen des Tavernenrechtes waren der Grund. Ja, dann halt in den „Rosengarten“. (Haus Muristr. 6) Auch nicht schlecht. Die Wirtstochter Seline war ja wirklich zum Anbeissen hübsch. Ruedi schloss seine Bude im Chloschter und schritt wohlgemut Richtung „Rosengarten“. Ein grässliches Geräusch schreckte in aus seinen Seline- Träumen auf. Es tönte wie das Miauen einer Katze in Todesangst. Ruedi stand bockstill und horchte. Eine eigenartige Ruhe lag mit einem Mal über dem Dorf. Doch jetzt, wieder dieses fürchterliche Kreischen. Aus dem Engel kommt's! Da ist ein Tier in Not. Hier muss geholfen werden! Die beiden Haustüren sind verschlossen, doch ein Fenster gegen das Schlachthaus hin ist nur angelehnt. Bis zum 2. Stock kennt Ruedi den Weg gut, hatte er sich doch schon öfters am bärbeissigen Wirt vorbei in die Gesindekammer geschlichen. Das Katzengejammer ertönte wieder, eigenartigerweise nur noch ganz leise. Das musste von ganz oben kommen! Also noch ein Stockwerk höher. Das Abendlicht drang gelblich durch die halbgeschlossenen Fensterläden, und erfüllte den grossen Dachraum mit einem diffusen Dämmerlicht Da, ganz oben im Giebel war noch eine Zimmer eingebaut, nur über eine Leiter erreichbar. Wieder leises Miauen. Sicher war das arme Tier in der Kammer eingesperrt und am Verdursten. Rasch die paar Sprossen erklommen, Türe auf und ......

Ruedi erstarrte, er spürte wie sich seine Nackenhaare aufstellten, Hühnerhaut breitete sich an Armen und Beinen aus, der Atem blieb ruckartig weg, schreien wollte er, schreien.... Vor ihm stand sprungbereit ein riesiges schwarzes Tier, mit unglaublich grossen Augen, den Rachen weit aufgerissen, die gelblichen, Raubtierzähne zum Reissen bereit. Ein ekliger Schwefelgeruch breitete sich aus. Ruedi wich vor Schreck zurück, verfehlte die nächste Sprosse und fiel. Jetzt kam sein Schrei. Hart schlug er auf dem Bretterboden auf. Dunkelheit. Aus.

Am anderen Morgen hörte der Pfarrer in seinem Studierzimmer vom Engel her ein klägliches Katzengejammer. So irgendein blödes Viech musste dort eingesperrt sein. Nein , so konnte er keine Predigt vorbereiten. Er beorderte Siegristen August herbei. Er solle die Katze befreien. Er könne ja noch Davids Schang von der Schmitte mitnehmen, wenn man die Türe aufbrechen müsste.

Kurz darauf standen beide völlig verstört vor dem entseelten Körper des Küefer- Ruedi. Die Arbeitsjacke und das Barchenthemd waren aufgerissen, Gesicht und Brust wie mit Bärenpratzen zerfetzt! Das nackte Grauen stand den Beiden ins Gesicht geschrieben. Ein zartes Miauen aus der Kammer oben ganz rechts lies Gusti und Schang aufblicken. Trotz der schrecklichen Tatsache, dass Ruedi tot vor ihnen lag, musste natürlich noch der Auftrag des Pfarrers ausgeführt werden. Schang nahm sich ein Herz, erklomm die Leiter, stiess die Türe auf und ...

Ein kleiner schwarzer Kater stolzierte an ihm vorbei, sprang elegant die Leiter hinunter, marschierte stracks an Ruedis Leiche vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen und entschwand in die unteren Gemächer.

Ein penetranter, ekliger Schwefelgeruch breitete sich im Raum aus.

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Mehr Fakten und Geschichten zum >> Engel Restaurant


Spräggele Ottenbach

Ein alter und einzigartiger Brauch der in unserem Dorf im Dezember stattfindet. Wie ist dieser Brauch entstanden, wie wurde er früher ausgeübt, werden dabei Geister vertrieben...... All diese Fragen lagen mir schon lange auf der Zunge und niemand im Dorf konnte mir eine genaue Auskunft geben. Ein Gespräch, anlässlich einer Sitzung, mit Werner Grab, ergab wertvolle Hinweise. In einem alten Zeitungsartikel aus den 60er Jahren ist darüber genaueres zu erfahren:

Ursprung

Der Brauch der "Spräggele" ist, wie ein Prof. A. Niederer feststellt, eine der zahlreichen Formen, unter denen in unseren Landgegenden die dramatischen Personifikationen der Geister der Toten überkommen sind, die zur Zeit der Wintersonnenwende in den Häusern, Fluren oder gar in der Luft herumstrichen und die entweder günstig gestimmt oder vertrieben werden mussten. Diese Personifikationen finden ihre epische Form in den Legenden über das "Wuetisheer" (Heer des Wotan) und in verchristlichter Form in den Sagen vom prozessionsartigen Totenzug des Oberwallis und anderer alpiner Gebiete. Hinsichtlich des Lärms, dem Hauptelement des "Spräggele" -Brauches, ist es schwierig zu sagen, ob er ursprünglich die Funktion hatte, die Fruchtbarkeit von Mensch, Tier und Pflanzen at wecken oder ob er nur ein Teil des Schrecken erregenden Benehmen der Geister war. Soweit Prof. A. Niederer.

Spräggele-Formen im Bezirk Affoltern a.A.

Die heutige Form des Brauches hat nichts mehr zu tun mit derjenigen, wie sie die heidnischen oder halbheidnischen Vorfahren sahen. Der "Spräggele" -Brauch von Ottenbach, so wie er noch heute durchgeführt wird, dient dem gesellschaftlichen Zusammenhalten des Dorfes. Die jungen verkleideten Leute sind in gewisser Weise die Vertreter der ländlichen Gemeinschaft, die indem sie diesen Brauch erhält, sich seiner bedient als Äusserung des lokalen Zusammengehörigkeitsgefühls. Die Holzmasken, die eine Ziege mit Schnabel, also ein hybrides Wesen, darstellen, wurden noch bis gegen 1900 in verschieden Dörfern des Knonauer Amtes von den jungen Leuten in bestimmten Nächten des Monats Dezember getragen.

In Knonau

In Knonau selbst fand die "Spräggele" -Nacht jeweils am zweitletzten Freitag vor Weihnachten statt. Bis ca. 1940 wurde dieser Brauch ausgeübt. In dieser Zeit sollen sich nach einer alten Sage Geister herum getrieben haben. In der Kirchmatt hüpften die Geister von zwei alten Jungfern umher, die früher ihren Liebhabern untreu geworden waren. Ja einmal hätten sie sich sogar in die Kirche hinein gewagt. Gleichzeitig soll jedes Jahr in der gleichen Nacht ein Marchstein versetzt worden sein. Um all diese Geister zu vertreiben, zogen die "Spräggele" schnabelklappernd durch die Strassen.

In Obfelden

Etwas anders geartet war nach E. Stauber die "Spräggele" in Obfelden. An der Spitze des übermütigen Zuges von etwa fünfzehn Jungen, lief der Musikus in origineller Verkleidung mit einer Handorgel. Dann folgte, vom kräftigsten Burschen getragen, die "Schnabelgeiss". Nach einer anderen Quelle schloss sich der "Schnabelgeiss" eine Art Hochzeitsgesellschaft an, und am Schluss des heiteren Zuges sah man meistens einen russgeschwärzten Teufel, der durch seine derben Spässe oft mit der "Schnabelgeiss " wetteiferte.

In Mettmenstetten

In Mettmenstetten war eine "junge" und eine "alte Spräggele" bekannt. Am Freitag vor Weihnachten fand sich die ältere Schuljugend zum lustigen Treiben zusammen, während die "alte Spräggele" eine Woche später, am Freitag vor Neujahr, von den Junggesellen durchgeführt wurde.

Seit vielen Jahrzehnten nur noch in Ottenbach

Heute ist der Brauch des "Spräggelens" nur noch in Ottenbach lebendig. Die kleine "Spräggele", an der sich die Dorfjugend, die noch nicht konfirmierten Knaben, beteiligt, findet stets am ersten Freitag im Dezember statt. Die grosse "Spräggele" wird am zweiten Freitag im Dezember durchgeführt. Damit der Brauch an Attraktivität gewinnt, wurde im Dezember 1988 der erste "Späggele-Märt" eingeführt. Die Initiative dazu kam vom Gemeindeverein und trug wesentlich zur Belebung des alten Brauches bei. Der "Spräggele-Märt" findet auf dem Dorfplatz, also mitten im Dorf statt. An verschiedenen Verkaufsständen von Vereinen, Gruppen und Privatpersonen, kann allerlei Kulinarisches wie z.B. Glühwein, Maroni, Bratwürste, heisse Suppe, bis zum Raclette gekauft und genossen werden. So wird auch bei kaltem und schlechtem Wetter die Zeit nicht lang bis zum Eintreffen der "Spräggele".

Beschreibung der Spräggele

Um acht Uhr versammeln sich die jungen Männer vom Turnverein im Schulhaus, um sich auf das grosse Treiben vorzubereiten. Ihre Utensilien, ein weisses Leintuch und den Schnabelkopf, haben sie während des Jahres zu Hause sorgfältig aufbewahrt. Sie hüllen sich nun in das Leintuch, sodass nur noch der Schnabelkopf gespenstisch hervorragt. Als Schnabel verwenden sie einen ausgehöhlten Holzpfahl. Der untere Teil wird abgespalten und kann mit einem primitiven Mechanismus zum lauten Klappern gebracht werden. Einige Teilnehmer haben diese sonderbare Maske noch mit Ziegen- oder Kuhhörnern versehen, ihnen furchterregende Augen aufgemalt oder rote Zungen angeklebt. Um das Aussehen noch unheimlicher zu machen, werden auch Zähne in den Schnabel gesetzt. Der ganze Kopf ist an einem etwa einen Meter langen Brett oder Pfosten befestigt. Dieses wird mit Tragriemen wie ein Rucksack getragen, sodass die vermummte Gestalt fast zwei Meter gross erscheint.

Achtung, die Spräägele kommen!!!

Gegen neun Uhr beginnt der laute Umzug im Dorf. Sie werden auf dem Dorfplatz am "Spräggele-Märt" erscheinen und laut lärmend durch die, hoffentlich zahlreichen Zuschauer, laufen. Hier wird einem neugierigen Zaungast mit dem Schnabel der Hut entführt und weiter vorn ein kreischendes junges Mädchen verfolgt. Niemand ist sicher von den schaurigen und gruseligen Attacken der "Spräggele". Natürlich werden auch die umliegenden Wirtschaften nicht verschont. Im ganzen Dorfzentrum klappert's und rasselt's an diesem Abend. Es kommt auch vor, dass die ganze Gesellschaft, manchmal bis zu zwanzig "Spräggele", in ein Haus eindringt, sodass die Stube ob des Lärms erzittert. Früher hatte die "Schnabelgeiss" sogar das recht, an Esswaren mitzunehmen, was sie im Schnabel forttragen konnte. Auf diese Art verschwand manch schönes Wähenstück oder sogar ganze Brote unter dem Jubel der Menge. Heute erhalten die "Spräggele" meistens ein Glas Wein oder bei kalterm Wetter ein Kaffee-Lutz. Die "Spräggele" dauert je nach Witterung und Stimmung bis um elf oder zwölf Uhr nachts. Dazwischen erholen sich die Burschen in den Wirtshäusern, denn die Last ihres gespenstischen Attributs beträgt je nach Ausführung immerhin 5 bis 10 kg. Einige Unentwegte kehren erst in den frühen Morgenstunden nach Hause, indem sie, müde geworden, ihre Maske unter dem Arm tragen.

Bearbeitet für den Ottebächler von W.S.

Der Beitrag "Spräggele" erschien im Dorfheft "De Ottebächler" Nr. 61, November 1993. Herausgeber: Gewerbeverein Ottenbach


Der Schloss - Salomon

Altes Schloss, Lanzenstrasse 10, Ottenbach ZH

Das Neujahrsblatt auf das Jahr 1940 der Feuerwerker Gesellschaft „Artillerie-Kollegium Zürch" war dem verdienten Oberstartillerie-Inspektor Salomon Hirzel (1790-1844) gewidmet. Die ersten Seiten seiner Biographie, verfasst von Oberst M. Paur, interessieren uns Ottenbacher besonders, hat doch Hirzel eine kurze, aber glückliche Zeit in unserem Dorf verbracht. Sein Vater, aus angesehenem Geschlecht, war Landschreiber auf der Kyburg, starb schon 1797. Die Mutter musste mit sechs kleinen Kindern in die Stadt Zürich übersiedeln. Es waren damals sehr unruhige Zeiten in unserem Land; kriegerische Ereignisse vor den Toren der Stadt. Ständige Durchzüge französischer, österreichischer und russischer Truppen brachten Einquartierungen und verhinderten somit auch einen regelmässigen Schulbesuch. Salomon schlug über die Stränge, und um seine Mutter zu entlasten, verfügte sein Vormund, den neunjährigen Knaben auswärts unterzubringen.

Der Chronist berichtet: So wurde denn Salomon Hirzel bei einem biederen Landwirt, Jakob Bär, in Ottenbach im Haus zum ,,Schloss" untergebracht. Es war ein einfaches Bauernhaus (heutige Liegenschaften Lanzenstrasse 10 a bis c) die Scheune musste in den 1920-er Jahren dem Bau der Liegenschaft „Sonnegg" [Lanzenstrasse 14] weichen). Seine schon bejahrten Pflegeeltern waren ihm innig zugetan und versahen ihm tatsächlich Elternstelle, was ihnen Hirzel zeitlebens dankte und sie bis zu ihrem Tode besuchte. Die Arbeit in der Landwirtschaft sorgte für seine kräftige Körperbildung. Eine Fülle praktischer Kenntnisse wurde ihm auf seinem Lebensweg von grossem Nutzen.

Sommer und Winter, jeden Freitagmorgen um zwei Uhr, musste er einen mit Baumwollgarn beladenen Wagen nach Zürch führen. Es kam nicht selten vor, dass der Wagen bei vereister Strasse am steilen Aufstieg bei Birmensdorf nicht mehr vom Fleck wollte, oder gar rückwärts rollte. Am Rennwegtor in Zürich, bei einem Handelsherrn, musste er die Ware abladen, kehrte dann in einer Weinschenke ein und lud anschliessend wieder rohe Baumwolle, um sie bei den Handspinnerinnen in und um Ottenbach zu verteilen. Birmensdorf war auf dem Hin- und Rückweg Ort ,,währschafter Verpflegung".

Im Jahre 1801 verlor er auch noch seine Mutter und musste nach Zürich ins Waisenhaus. Seine Jugendfreunde vermissten den „Schlosssalomon“ sehr, und auch er litt an Heimweh nach Ottenbach. Bald wurde er aber in die Familie des neuen Vormundes aufgenommen, und als fleissiger Schüler holte er seine vernachlässigte Schulbildung rasch auf.

Im Frühjahr 1807 verliess er die Heimat, um als Kadett in das 2. Schweizer Regiment einzutreten, welches in Marseille und Toulon stationiert war. Nach Napoleons Spanienfeldzügen, 1808 – 1809, kehrte er als Offizier zurück und die Ottenbacher wurden nicht müde, von seinen Kriegserlebnissen zu hören. Der mörderische Krieg in Russland bewog ihn dann endgültig heimzukehren, wo hohe militärische Posten auf ihn warteten.

Die Schaffung einer einheitlichen Eidgenössischen Armee lag ihm sehr am Herzen. Sie sollte verhindern, dass die Schweiz weiterhin den fremden Truppen als Tummelplatz diente.

Leider hatte seine Gesundheit unter dem harten Söldnerleben sehr gelitten.Er verstarb im Alter von erst 54 Jahren, seine Frau allein zurücklassend, den ihr einziges Kind hatten sie schon früher verloren.

F. Häusermann, Ottenbach, 1979


Die Geschichte vom „Schloss-Salomom“ erschien in der Dorfzeitung „Ottebächler“ Nr.4, September 1979. Herausgeber: Gewerbeverein Ottenbach

Mehr über das "Alte Schloss" in Ottenbach ist unter Altes Schloss zu lesen.

Die ganze Geschichte von "Oberst Salomon Hirzel", 1790 bis 1844, ist als Kopie bei Peter Eichhorn im Register unter H abgelegt.


Der Brand von Ottenbach am 21. März 1753

Diese Abschrift der Originaleintragungen im neuen Gemeindebuch (ab 1753) verdanken wir unserem ehemaligen Gemeindeschreiber, Herrn Louis Häusermann sel., sowie der Mithilfe des Staatsarchives des Kantons Zürich.

"Erstlich wird beschrieben..." aus dem Gemeindebuch von 1753
Louis Häusermann

Erstlich wird beschryben die thraurige Begebenheit deren under dem 2lten vorbedeüten Mertzen dero allhier entstandenen Feüersbrunst. Dieses Unglük enstunde erstlich ob der alten Linden in des Heinerich Hegetschwyler genambt des Daviden Haus. Des Ausbruch ware in der Scheüwr und namm seinen Anfang Abend um halbe vier Urren bey einem entsetzlichen Aarenwind (Westwind), das kein Mensch gedenken könte, das das Unglük all die wütende Flamm nidtsich gegen dem Wind ziehen könte. Es wider Vermeinen hat die heilige Regierung Gotes gefüeget und dem Wind und Feür gezeiget zu fahren , bis 22 Wohnhäuser samt l6 andere Firsten ellendiglich sind yngeäscheret worden. Im Anfang des ersten Haus bliben vier Haubt Vieh. An unvernünfftigen Thieren kostete es sonst nichts, weder das etliche Federgens in das Feüwr hinyngeflogen.

An lebendigen Seelen war unglükhafftig ein vierjahriges Kind, dessen Vater war Hans Jacob Hegetschwiller; dieses Maitteli truge die Dienstmagdt von dem Haus hinweg, bis sie vermeinedte, das Kind errettet zu haben. Dieses Kind gienge in ein Haus hinyn, nach deme die Wuot geillet, und sein Leben darinen ellendiglich ynbüessen müessen. Wie der Ursprung dieses grossen Unglüks enstanden, und wehr darbey Schuld gewesen, ist bis dato nicht an den Tag kommen. Ich schreiben solliches der Verhängnus Gottes zuo und bekennen diese Straff ein jeder under uns verdienet zu haben.

Hieryn finden nothwendig zu verzeichnen, was bey dem Unglük den Brandbeschedigeten an Victualien, Holz und Geld sey gestürt und verehrt worden.

Erstlich Donstagmorgen darauf hatte niemand von den gueten Leüthen nichts zu essen. Des Tags schikten ihr fürstlich Gnaden von Muri 1000 Brödtli, deren eins ungefahr ein Stuk war.

Zweitens darauff gäben Unsere Gnädigen Herren von Zürich einer jeden Haushaltung ein Mütt Kernen und 5 fl. (5 Gulden) an Geld.

Dritens gaben alle Dörffer des gantzen Ambts Kernen, Mäll, Brod, Kriese und Schnitz, das einjeder sich wit bis gegen der Ernd mit den Seinigen durchbringenund näbendt seinern Verdienst wider ernehren könen.

Viertens wurden zum Geldsteüren angehebt die Statt Zirich, Winterthur und Stein am Reinn, die Herrschafft Wättenschwil und Obervogtey Horgen, auch hiesiges Ambt Knonauw.

Wurde an allen den Orthen an Geldt gestürt:

  • fl.Gulden
  • Statt Zürrich 14 428
  • Statt Winterthur 900
  • Statt Stein 170
  • Obervogtey Horgen und
  • Herrschaft Wättenschwil 900
  • Ambt Knonauw 900

Bey den vier lesten Posten möchte etwas Ungrades gewesen sein, ist nicht bey dem Pfening specificiert worden. Diese Steüren sind also von Herren Hans Conrad Vogel, dermahlen gewesener Landvogt zu Knonauw ausgetheilet worden und hat ein jeder auff Schatzung 1000 bekomen an Geld.

Ist an Holtz gesteürt worden: Erstlich die Frömden ussert der Herrschaft, die Herren von Zug 150 Stök Dann (Tanne), Gmeind Auw in oberen Freyen Ämteren 30 Saghöltzer, Gotshaus Frauenthall 20 Stök Dann, Gmeind Bonsteten 30 Sagbäüm, Gmeind Arni im Kellerambt 12 Sagbäüm, Gmeind Albisrieden 20 Dann, Gmeind Altstetten 20 Dann, Gmeind Oberlunkhoffen 20 Dann, Gmeind Unterlunkhoffen 20 Dann, Gmeind Jonen 60 Dann, Gmeind Berken 2 Eychen, Gmeind Oberwyll 8 Dann, Ambtsfendrich Nievergelt von Loo 3 Dann. Summa Stuk 395.

Ambt Knonauw steürt an Holtz:

Ambthaus Cappel 200 Dann, Gmeind Obermetmensteten 50 Dann, Gmeind Aügst l0 Sagbäüm, Gmeind Hausen und Heisch 100 Dann, Gmeind Affholteren 50 Dann und Eychen, Gmeind Luneren 12 Dann und Eychen, Gmeind Ober- und Underryfferschwyl 80 Dann, Gmeind Zwilliken 8 Dann und Stuk Eychen, Gmeind Verenbach Stuk 3, Gmeind Tuossen 20 Dann und Eychen, Gmeind Oberluneren 12 Dann, Gmeind Aebertschwyl 20 Dann, Gmeind Hedingen 8 Eychen, Gmeind Maschwanden 8 Eychen, Gmeind Oertzliken 20 Dann, Gmeind Rossauw 20 Dann, Gmeind Knonauw 6 Eychen. Summa Stuk 631. Summa summarium ales verehrten Holtzes: Stuk 1026

Auch andere mitleidege Hertzen, die villen Leüthen mit Kleideren und VahrnusInstrumenten gehulffen, auch an schuldigen Zinsen und anders geschenkt worden. Lestlich giben ich zu bedenken die Gutaten aller benachbarten Onth wegen grosser Müeh und Kösten des Fahrens, wie vill aus Gnaden gethan worden. Ich wünschen vor meinem Orth einem jeden, der zu Auferbauung der abgebrenten Häü seren etwas verehrt, gethan und geholffen hat, dass ihm Gott der Herr sein gethanes Werk tausendfaltig vergelten und richlich widerum zutheillen wolle. Auch wir auff Kind Kindtskinder nicht vergesen sollend, wo Gott unsere Brüeder mit dergleichen Straffen eimsuochen wurden, wir ihnen dann auch best unsers Vermögens wollend zu Hülff komen und ihnen mitheilen, was ein jeder nach seinem Stand auf die äüsserste Noth thun kann.

O Gott, bauwe du selber wider unsere Häüser und mache, sie zu Templen deiner heiligen Wohnung. Zeühe deine heilige Hand ab uns zu strafen, dann wir erkennen uns schuldig, verzeihe uns alle unsere Missethat um des theüren Verdinsts Jesu Christi willen. Amen.

Anno 1755 hat eine ersamme Gmeind widerum samtlich mit einanderen beratten, dass die Vorgesetzten auch widerum anstatt der alten verbrunnenen Linden auf gleichen Platz wider eine neüwe setzen sollen, welche Grund zu allen Zeiten der Gmeind zu einem Dorffrecht dienen solle.

Geschahe ihm Monat Merz under Dorffmeyer und Kellerambtsweibel Leonhart Hegetschwyller und Leütenant Jacob Leüthart als dermahlen verordnete Vorgesetzte. »

Schulmeister Heinrich Funk


„Notitzen über den Brand von Ottenbach am 21. März 1753“ erschienen im Dorfheft „Ottebächler“ Nr. 9, 1980. Herausgeber: Gewerbeverein Ottenbach

Louis Häusermann war Gemeindeschreiber in Ottenbach von 1944 bis 1974. Er starb 1980 im Alter von 70 Jahren.


Zum Beitrag Die Dorflinde



De Tobel- Jogg

Täuberi- Brücke, Reussebene 100 m südlich mitte Birristrecke. E671384 N236902

Lange bevor die erste Reussbrücke 1864 gebaut wurde, waren die Ottenbacher Bauern schon Landbesitzer in der aargauischen Reussebene. Die Fähre war die einzige Verbindung. Mühsam musste bei jedem Transport alles auf das Schiff ein- oder umgeladen werden. Auch mit der Strasse nach Birri war es nicht weit her. Ein sumpfiges Karrengeleise zog sich kurvenreich den alten Flussläufen und Entwässerungsgräben nach. Die heute noch bestehende Täuberibrücke war der einzige feste Übergang über den als" roten Kanal" benannten Entwässerungsgraben.(ca. 100 Meter südlich der heutigen Hauptstrasse Ottenbach- Birri) Das Alter der schönen Steinbogenbrücke und die Herkunft des merkwürdigen Namens sind unbekannte. Der rote Schlamm am Boden des Gewässers entstand wahrscheinlich durch Oxydation verschiedener Mineralien und lies das Wasser manchmal blutrot erscheinen.

Dazu erzählte ein bejahrter Ottenbacher am Stammtisch im "Funk" zu vorgerückter Stunde folgende unheimliche Geschichte:

An einem diesigen Novemberabend Anno 1851 stapfte der wohlbeleibte Ottenbacher Vieh- und Rosshändler Jakob Gneser, genannt "Tobel- Jogg" von Birri her kommend Richtung Täuberibrücke heimwärts zu. Gutgelaunt, hatte er doch den Räber Josef von Birri schön hereingelegt. Das Geschäft war am Martinimärt in Muri eingefädelt worden: Ob er ihm nicht ein günstiges und treues Pferd hätte, seine Frau habe eine kleine Erbschaft gemacht und so könnte er endlich neben dem Ochsen ein Pferd einspannen statt einer Kuh. Dem gerissenen Jogg fiel sofort ein entsprechendes Ross ein, hatte doch Anfangs Weinmonat der Bickwiler Stähli Fridli seine alte Schindmähre verkaufen wollen. Zu Räber Josef sagte er aber, dass es zurzeit nicht einfach sei, im Rosshandel laufe nichts. Er werde aber herumfragen und Bescheid geben. Der Handel lief in der Folge wie geschmiert: Fridli hatte seinen alten Güggel noch nicht verkaufen können, selbst der Metzger hätte ihn nicht umsonst genommen. So drückte Jogg den Preis noch zünftig. Der Heimritt von Bickwil über den Rebhoger in den Tobelhof war so ohne Sattel auf dem alten knochigen Tier eine Strapaze. In den nächsten Wochen wurde der bedauernswerte Klepper kräftig aufgeputzt: gefuttert, gestriegelt und geschmiert was das Zeug hielt, dazu noch einige Rosstäuschertricks, die hier nicht verraten seien.

Nun, kurz und gut, Räber war von den hochgepriesenen Qualitäten des Pferdes überzeugt. Vor allem das rassige Verhalten des doch offensichtlich etwas ältern Tieres gefiel ihm. Der gute Josef konnte ja nicht wissen, dass Jogg kurz vor Birri der armen Kreatur noch kräftig starken Pfeffer in den Hintern geschmiert hatte.... Bald hatte Gneser die Hälfte des Heimweges hinter sich. Vergnügt über seinen fabelhaften Handel sinnierend, bemerkte er nicht den aufkommenden Bodennebel. Auch die seltsame Rosafärbung sah der in Gedanken Versunkene nicht. Doch jetzt, ein Schritt neben den Weg und Jogg schlug der Länge nach in die Streue. Fluchen wie ein Rossknecht musste man Jogg nicht beibringen, doch was er jetzt vor seinen Augen auftauchte, lies ihn verstummen und erstarren:

Schaurige, rote Arme wogten um ihn her, wollten ihn ergreifen, würgen, niederdrücken. Weich wie Watte, aber im Innern zäh wie Schlangen griffen sie nach seinen Beinen und Armen. Jetzt nur auf und vorwärts Richtung Ottenbach. Einige Meter vor sich sah er die Umrisse des alten Gemeindegrenzsteines Birri- Merenschwand, da musste gleich die Brücke sein, ein paar Schritte noch und er wäre auf der etwas erhöhten Brücke in Sicherheit. Jogg träumte, er läge in einem weichen Strohbett, eine warme Decke würde über ihn ausgebreitet, warmer Tee würde ihm eingeflösst. Ein Schrei, Wasser, Wasser überall, nur auftauchen jetzt. Bis zu den Knien im roten Schlamm, über das Gesicht lief Blut, in die Augen, in den Mund. Und diese grausamen roten Arme, überall, den ganzen Graben ausfüllend. Noch einmal bäumte sich Jogg auf, doch ein entkommen war unmöglich, blutrot war alles um ihn. Langsam lösten sich die Nebelarme auf, zogen sich zurück. Wie eine feine rosa Decke legte sich der Nebel sanft über die Reussebene.

Liebe Gemeinde

Dem Herrn über Leben und Tod hat es gefallen, unseren Mitbruder Jakob Gneser in die Ewigkeit abzuberufen. Er ist auf dem Heimweg von Birri vom Weg abgekommen und im roten Kanal ertrunken. Wer Jakob Gneser kannte, weiss, dass wir einen aufrechten, ehrlichen Mitbürger verloren haben. Die Beerdigung ist am nächsten Dienstag. Ich habe dich bei meinem Namen gerufen, du bist mein. Wenn du durchs Wasser gehst, bin ich bei dir, und durch Ströme, sie werden dich nicht überfluten; denn ich bin Jehova, dein Gott. Jesaja 41. Vers 1 und 2.

Autor: O.T. Bächler



Ottenbach um die Jahrhundertwende (um 1900)

1986 Jakob Berli,anlässlich seines 95. Geburtstages, im Sitzungszimmer des Gemeinderates Ottenbach
Ganz rechts das Wohnhaus mit der Schumacherwerkstatt von Jakob Berli, Isenbergstrasse. Die Werkstatt befand bis zu seinem Tode 1986 Parterre, rechts.
Die Seite "Ottenbach" aus Leuchs Adressbuch der Schweiz. Quelle: Ottebächler Nr. 80, 1980
Ottenbach um die Jahrhundertwende, Poststempel 22.2.1905.


Erinnerungen von Jakob Berli-Hofstetter, Schuhmachermeister, (geb. 1891 gest. 1988) Ottenbach, festgehalten 1980 in einem Gespräch mit Frau Hedwig Surbeck-Berli, Ottenbach (geb. 1920 gest.1997) Zu jener Zeit schon muss ein geschäftiges, reges Leben in unserem Dörflein geherrscht haben, denn Herr Jakob Berli erinnert sich und weis zu berichten:

Wirtshäuser und Gewerbe

Es gab damals 16 Wirtschaften (Restaurants konnte man sie nicht nennen), 8 Spezereiläden, 2 Tuchläden, 5 Bäckereien, 2 Schmieden, 2 Metzgereien, 1 Ziegelei, 1 Scherenschleiferei, 5 Schuhmachermeister, etliche Schreiner-, Wagner-, Schneider-, Spengler-und Hafnermeister. Einen Arzt, einen Tierarzt und 3 Coiffeure! Die Läden hatten eine stolze Öffnungszeit, von morgens 6 Uhr bis nachts 21.30 Uhr. Sonntags selbstverständlich den ganzen Morgen, nachmittags 2 bis 3 Stunden!

Der Tuchladen an der Affolternstrasse, wo sich die heutige Arztpraxis befindet, soll besonders rege besucht worden sein. Selbst von den Dörfern und Weilern am Lindenberg kamen die Leute hermarschiert. Zum Dank für ihren Kauf und zur Stärkung auf den langen Heimweg, erhielten sie im Laden Kaffee und einen Imbiss. Einen freien Samstag kannten die gewerbetreibenden Meister nicht. Dafür den «blauen Montag»! Es muss gemütlich gewesen sein in den 16 Wirtschaften mit den Kegelbahnen, denn der «blaue Montag» erstreckte sich oft bis und mit dem ganzen Dienstag! Kein Wunder, kostete doch damals ein Möstli 20 Rappen, 1 Pürli oder grosses Weggli samt Servelat 35 Rappen. Am Dienstag verloren jeweils die Ehefrauen der Meister ihre Geduld. Sie banden sich die bessere Schürze um und suchten in den 16 Wirtschaften ihren Herrn und Ehegatten, bis sie ihn fanden und ihm klarmachen konnten, dass die neue Woche längst begonnen habe!Die Schuhmachermeister wurden auf die «Stör» gerufen. Verdienst pro Tag: ein Franken! Währschafte, solide Männerschuhe kosteten damals 8 Franken.

Der Dorfweibel

Eine besondere Rolle muss, laut Jakob Berli, der Dorfweibel gespielt haben. Ihm oblag es, Dorfangelegenheiten, die heute im Anzeiger publik gemacht werden, im Dorfe zu verkünden. Mit einem laut tönenden Horn zeigte er sich an, damit ja alle Ottenbacher seine Kunde vernahmen. Statt unserer elektrischen Beleuchtung soll es damals Petroleum-Laternen auf den Strassen gegeben haben. Die Aufgabe des Weibels war es, dieselben Abend für Abend eigenhändig anzuzünden und um 22Uhr wieder zu löschen. Gereinigt wurden diese Laternen jede Woche. Mühselig zog der Weibel mit einer Leiter auf der Schulter durch die Gassen. Sein ansehnlicher Jahresverdienst: 150 Franken!

Das Postbüro

Im heutigen Restaurant Post befand sich das Postbüro. Statt unseres Postautos fuhren Pferde mit lustig klingenden Glöcklein die Postkutsche nach Affoltern a. A. und nach Muri.

Kultur und ein seltsamer Brauch

Das kulturelle Leben der Ottenbacher blühte! Mitten auf dem Dorfplatz wurden, unter freiem Himmel, Theaterspiele aufgeführt, die sogenannten Freilicht-Theater. Der Zulauf aus den umliegenden Dörfern soll gross gewesen sein. Noch heute existieren Fotos von diesen Aufführungen. Die Ottenbacher waren begabt und trugen zu ihren Spielen kunstvolle historische Kostüme. Die grossen Feste lagen den Ottenbachern! Dieselben wurden mit Kanonenschüssen auf dem Isenberg angekündigt. (Dies laut Jakob Gut-Brunner, 80jährig. Sein Vater bediente diese Kanonen.) Ein seltsamer Brauch fand in unserem Dorf in der Karwoche statt. Junge, springlebendige Stiere mit blumenbekränzten Hörnern wurden durch die Strassen geführt, wo Jung und Alt die Prozession mit Interesse verfolgte. Der Sinn dieses Aufzuges? Höchst prosaisch - seht euch die Stiere an, ihr Ottenbacher; es gibt genug zu essen auf Ostern!

Würdige Herren!

Sah man dann und wann, mitten in der Woche einen Mann mit hohem, schwarzem Zylinder, gemessenen Schrittes durch die Gassen schreiten, wusste jeder sofort, dass jemand gestorben ist! Nicht vergessen darf man die damaligen Pfarrer von Ottenbach. Nur im schwarzen, steifen Frack liessen sich die Geistlichen auf den Strassen sehen. Voller Hochachtung und Demut wurden sie gegrüsst. Hatte einer der Ottenbacher ein nicht ganz reines Gewissen, verschwand er beim Anblick des würdigen Herrn schleunigst um die Ecke, indes die Kinder rudelweise zum Herrn Pastor rannten und ihm ihre nicht immer sauberen Hände entgegen streckten.

Ein gutes Gedächtnis!

Noch vieles wusste Jakob Berli zu erzählen. Von einer Überschwemmung der Reuss, einem starken Schneefall eines Monats Mai, von einem bösen Hagelwetter, das viel Schaden anrichtete, und von unheimlichen Feuersbrünsten. Die Ottenbacher Holzhäuser sollen lichterloh gebrannt haben.Da, wo nun die hübschen Häuser der Neuzugezogenen am Hang in der Sonne stehen, wuchsen einst die Ottenbacher Reben. Mag im alten Ottenbach vieles gemütlicher, ruhiger und heimeliger gewesen sein - tauschen in jene Zeit würde wohl niemand mehr.

Besten Dank, lieber Herr Berli!

H. Surbeck


Das Interview mit Jakob Hofstetter erschien im „Ottebächler“ Nr. 8, September 1980. Herausgeber: Gewerbeverein Ottenbach



Gewerbeverzeichnis um 1902

"Leuchs. Adressbuch der Schweiz", Seite 2081

Ottenbach

Pfarrdorf u. Gemeinde an der Reuss im Bezirk Affoltern. 1074 Einw. Eisenbahn: Muri u. Affoltern. Post. elektr. Strom u. Telefon

  • Gasth.: Engel, J. Huber. – z.Post, Geschw. Hegetschweiler
  • Arzt: Dr. Ubert
  • Bäcker: Arbeiter-Consum-Verein der Fabrik „Mech. Seidenstoffweberei Zürich“ in Ottenbach. – Hausheer Mich. – Schneebeli Alfred
  • Baumeister: Schoch Jean
  • Branntweinbrennerei: Gattiker Gottlieb
  • Contitor: Hausheer Michael
  • Dachdecker: Sidler Jean
  • Eisen-und Metallwarenhdl.: Sidler Jean
  • Friseur: Leutert Aug.
  • Glaser: Hegetschweiler Jakob. – Schneebeli Rob.
  • Glas- u. Porzellanwarenhdl.: Hegetschweiler-Sidler Hch.
  • Käsereien: Baltenschwiler Fett-Käserei u. Butterhandel. – Sennereigenossenschaft Ottenbach
  • Küfer: Berli Friedr.
  • Kurz- u. Posamentierwarenhdl.: Welti I. E.
  • Lackierer: Hegetschweiler Jakob
  • Landwirtschaftl. Bedarfsartikel: Landwirtsch. Verein Ottenbach
  • Manufaktur- u. Modewarenhdl.: Hegetschweiler Aug., Herren- u.Damenstoffe, Damen u. Kinderconfection, Wolldecken u. Bettwaren. Posamentierartikel. – Welti H. E. Damenconfection, Leinen- u. Baumwollwaren, Posamentierartikel, Lieferung ganzer Aussteuern, Wolldecken etc.
  • Maurermeister: Hug Jacob
  • Mechaniker- und Mühlenbauer: Spörri Christian
  • Metzger: Hegetschweiler, Geschwister. – Huber J., z. Engel – Stahle J.
  • Mühle- u. Holzsägewerk: Schlempf in Rickenbach, Wasserbetr.
  • Schlosser: Keller Friedrich
  • Schmiede: Hug Jacob. – Leutert Jacob
  • Schreiner: Hegetschweiler Jacob. – Schneebeli Robert. – Sidler Emil
  • Schuhhdl.: Berli-Haderli. – Berli Jacob
  • Seidenschirmstoffweberei: „Mech. Seidenstoffweberei Zürich“ in Ottenbach. Spec.: Schirmstoffe, Jacquardweberei
  • Spengler u. Lampist: Sidler Jean
  • Spezereiwarenhdl.: Arbeiter-Consum-Verein der Fabrik „Mech.Seidenstoffweberei Zürich“ in Ottenbach. – Hegetschweiler-Sidler Hch. – Leutert, Frau.
  • Steinmetz: Hug Jacob
  • Stellmacher u. Wagner: Berli Fritz. – Widler J. in Rikenbach
  • Töpfer: Hegetschweiler Wilhelm
  • Uhrmacher: Hegetschweiler Jakob
  • Wasserversorgung: Wasserversorgungsgenossenschaft Ottenbach
  • Weinhdl.: Gattiker Gottlieb, auch Branntwein
  • Ziegelei u. Kalkbrennerei: Hegetschweiler Jacob


Abschrift: Peter Eichhorn. Hinweise auf ein Exemplar von Leuch's "Adressbuch der Schweiz" bitte an peter.eichhorn@gmx.ch



Flattertiere

Schulmeister Hans Funk war ein lebensfroher und glücklicher Mensch. Hatte er nicht allen Grund dazu? Er unterrichtete im erst vor zwei Jahren gebauten Schulhaus, (Heute Chilehuus, Baujahr 1835) wohnte daselbst mit seiner Frau Lotte, hatte im Stall des alten Schulhauses daneben eine Kuh und zwei Geissen stehen. (Dies war nur möglich, weil Lotte eine Tochter des oberen Rodelführers war, was bewirkte dass er Pachtland von der Korporation bekam) Zudem war er noch Organist in der Kirche.

Und genau das Orgelspiel trieb ihn an diesem Samstagabend noch zur Kirche hinauf. Die Lieder des Sonntagsgottesdienstes mussten noch geprobt sein. Der Pfarrer kommentierte jeweilige musikalische Missgriffe recht abschätzig.

Der die Kirche umgebende Friedhof hatte Hans eigentlich noch nie einen unheimlichen Eindruck gemacht, im Gegenteil: Hier lagen, schön aufgereiht, Reich neben Arm, Tagelöhner neben Gemeinderat, Heimweberin neben Kirchenpfleger. Trotzdem schien ihm heute etwas anders als sonst. Eine beängstigende Spannung lag in der Luft. Plötzlich ein hundertfaches Gekrächze. Eine riesige Schar Krähen erhob sich mit wildem Lärm und Flügelschlagen in den rötlich gefärbten Abendhimmel. Nach dem ersten Schreck war Hans erleichtert. Sicher war Küefers Schagis Joggeli durch den Püntenplätz oberhalb des Friedhofes gerannt und hatte das Krähenvolk aufgescheucht. Schulmeister Funk hatte Joggeli aufgeboten, um den Orgelblasebalg zu treten. In der Kirche herrschte die gewohnte feierliche Ruhe. Doch jetzt ein leise unbestimmtes Geflatter. Vielleicht ein verirrter Vogel? Nein, eine Fledermaus schoss im Zickzack- Flug hinter der Orgel hervor und umschwirrte den Schulmeister, jetzt noch eine, dutzende, hunderte. Hans flüchtete erschreckt Richtung Haupteingang. Nur hinaus! Vergebliches bemühen.

Die Türe war geschlossen. Also die Treppe hinauf zur Empore. Hinter ihm hunderte von schrecklichen Fledermäusen. Einige krallten sich in seinem Kopfhaar fest, andere verbissen sich in seinen Hals. Oben angekommen schwirrten ihm eine riesige Anzahl schwarzer Flattertiere entgegen. Eine unheimliche Stimme hallte durch die Kirche: „Haans, Haans.. Schrecklich . Schwarz von sich an ihm klammernden Tieren ruderte Hans wild mit dem Armen um sich. Nur noch der Sprung von der Empore konnte jetzt helfen. Wieder die Stimme: Hans, Hans..!

Schweissgebadet tauchte Hans aus seinem Alptraum auf. Vor ihm stand seine Frau Lotte, die Arme angriffig in die Hüfte gestemmt. „ Hans, Hans... endlich aufstehen!" Vor sich hinbrummelnd machte sie rechtsumkehrt: "Nur noch länger herumsumpfen nach der Männerchorprobe!!"

.......................


Als wär's gestern gewesen

Hegetschweiler- Berli Elsa *15. März 1910 - 28. Februar 2006


Die Bünzlis oder die Nachrichtenbörse von Damals

Eine Geschichte, die genau so auf Ottenbach zutrifft! Sie könnte sich so zwischen 1950/60 abgespielt haben. Die Namen "Sennhütte" und "Depod" von pe angepasst


Bünzli könnten alle geheissen haben; sie wohnten im Dorf, das noch eines war. Jeder wusste was der andere tat; wusste er es nicht, fragte er nach, entweder direkt, oder über einen Dritten. Das waren noch Zeiten: alle wussten Alles! ________________________________________

Auskunftstellen waren die Sennhütte, wo Milch abgeliefert, oder, mittels Kesseli, abgeholt wurde – und am Anschlagbrett zu erfahren war, ob die Kuh von Dem und Dem „ausgewogen“ das heisst: per Pfunde im Notschlachtlokal verkauft wird. Dass es eine Notschlachtung war, wusste man ja bereits. Jetzt ist Bankwürdigkeit attestiert und damit Kaufpflicht für Mitglieder der Viehversicherung verordnet. Das fanden alle gut, sonst wäre der Schaden grösser, die eigene Versicherungskasse ärmer.

Auch das „Depod“ (Depot der Landwirtschaftlichen Genossenschaft) war gut für – heute würde man sagen: „News“. Von dort wussten die Bauern, dass es ein ganz neues „Brämenoel“ gibt, das mit einer ebenso neuen Handspritze über die Zugtiere versprüht werden kann und deshalb keine Verbrennungen, weder bei Pferden, noch auf der empfindlichen Euterpartie der Kühe, verursacht. Beides, Oel und Sprayer, standen nun vorne bei den Heuerhüten, den Carborundum-Wetzsteinen, den Znüni-Körben und den Erikabesen, direkt unter den Knorr-Suppenwürsten, den Rössli-Stumpen; grad neben dem Eingang, der gleichzeitig Ausgang war.

Sommerzeit. Alle wollten schönes Wetter haben; der Heuet stand an. Es war an der Zeit, höchste Zeit – nur das Wetter: ist es das richtige Heuwetter, oder wird das Erstgemähte schon verregnet werden? Einer mäht – der ist verrückt! Am Abend sind alle verrückt: alle mähen. Man weiss auch wer mit Vereinzeln der Runkeln noch nicht fertig ist – und wer geholfen hat. Sonst wäre der ja nie fertig geworden! Es wird ihm eine Lehre sein. Mach nicht dass dir das nochmals passiert, sonst bist du – ja also wirklich, das ganze Dorf würde…, pass auf! Und die Heufuder: du meine Güte. Kannst du es nicht besser? Das Halbe liegt ja auf der Strasse, eine solche Lumpenfuhre! Heufuder sind wie Ackerränder und Hufbeschlag deiner Pferde: sie zeigen wer du bist! Dein Gesicht wird nicht abgedeckt, man erkennt dich, man weiss, man sagt es dir und anderen, deine Kinder können es hören.

Waren unsere Altvorderen „Bünzlis“, weil sie dem Daten- und Persönlichkeitsschutz eine andere Interpretation gaben? Sie schauten hin, kritisierten, rechteten. Ihnen war nicht gleichgültig was einer tat, weil sie sagten: Du bist einer von uns, was du machst betrifft uns, mach es gut, respektiere Mein und Dein. Allgemeingut ist auch unser Gut, erwarte nicht Nachsicht über mangelnde Rücksicht und fehlende Einsicht. Dich hinter schlechten Einflüssen verstecken zu wollen akzeptieren wir nicht; es gibt genug gute, auch wenn du uns deshalb als die „Bünzlis“ mit den fein geschnürten Schuhen und dem Pünktchen auf dem I auslachst.

Mittwoch, 15. Juli 2009 Aus dem Senioren-Internet

Autor: Walter Hegetschweiler (Nicht von Ottenbach. pe)


Eine Geschichte von einem alten Löffel und um die Rickenbacher Mühle

Von Frau S. Trechsel-Huggenberg

Mühle Rickenbach Ottenbach vor Abriss 1969

Seit fast 200 Jahren hat sich in unserer Familie ein silberner Suppenlöffel vererbt, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde und gegenwärtig in einer Schublade bei mir verweilt, bis er wieder weitergereicht werden muss. Der Löffel ist hübsch verziert und versehen mit den Initialen R.F. Er mag, wie es damals der Brauch war, ein Paten- oder Hochzeitsgeschenk gewesen sein. Zugleich aber mit dem Löffel wurde die nachfolgende fast unglaubliche Geschichte weitergegeben:

R.F., das war Regula Funk, eine Vorfahrin, die als tüchtige Müllersfrau mit ihrer Familie auf der Mühle Rickenbach wohnte. Es war Kriegszeit, die Zeit der Französischen Revolution und der napoleonischen Feldzüge. Die Franzosen drangen 1798 in die Schweiz ein und suchten unser Land heim. Dabei zogen die französischen Soldaten plündernd und brandschatzend auch durch unsere Gegend. Eines Tages ging es wie ein Lauffeuer durch das ganze Dorf Ottenbach, dass sich ein wilder Tross, von der Innerschweiz her, der Reuss entlang dem Dorf nähere. Die Leute flohen in ihrem Schrecken in die Wälder, wo sie sich versteckten und fürchteten, dass ihre Häuser niedergebrannt und ausgeraubt würden.

Regula Funk aber blieb auf ihrem Posten in der Mühle Rickenbach. Sie war eine beherzte Frau und hatte bereits klug und geschickt vorgesorgt. Auf ihrem Herd dampften schon grosse kupferne Töpfe mit herrlicher Supp Wurst und Hammen und auf dem eichenen Küchentisch lagen Suppenteller und Löffel bereit. (Vielleicht war auch der besagte Löffel dabei?).

Gegen Abend näherte sich ein Trupp stürmischer Franzosen der Mühle, umstellte sie lärmend und verlangte mit aufgepflanzten Bajonetten Einlass. Aus den grossen Säcken, die die Soldaten am Rücken trügen, ragte gestohlenes Gut aus der Innerschweiz. Polternd drangen sie in das Haus ein. Als ihnen aber aus der Küche der herrliche Duft von frisch gekochtem Hammen und Suppe in die Nasen strömte, warfen sie Waffen und Säcke beiseite und stürzten sich wild auf das Essen. Die Frau Müllerin bewahrte Ruhe und schöpfte immerzu die Teller mit Suppe und Fleisch wieder nach. Sie bewirtete die Horde so grosszügig wie sie konnte und sparte auch nicht mit dem Wein aus dem grossen Fass im Keller. Die Soldaten füllten ihre Bäuche und als sie satt waren, verkrochen sie sich in alle Ecken und fielen in tiefen Schlaf. Am Morgen weckte sie der Duft frischen Kaffees und frisch gebackenen Brotes. Mit vollem Magen und friedlich gestimmt verliessen die Soldaten dann die Mühle Rickenbach, ohne etwas mitlaufen zu lassen und zogen weiter. So ist die Mühle und wahrscheinlich das ganze Dorf dem befürchteten Schicksal entgangen, dank der tapferen Frau Regula Funk.

Erschienen ist diese Geschichte im Dezember 1985, im Dorfheft "De Ottebächler" Nr.25. Herausgeber: Gewerbeverein Ottenbach


Mehr über die Geschichte der Mühle Rickenbach/Ottenbach >>>Mühlen in Ottenbach


Der Dorfwächter und Weibel

Dass früher die Städte ihre Häuser durch einen Nachtwächter behüten liessen, ist wohl allgemein bekannt. Weniger hingegen, dass auch die Dörfer ihre Wächter hatten. Wann Ottenbach den ersten Wächter anstellte, kann wohl nicht herausgefunden werden. Immerhin zeigt eine Aufzeichnung aus dem Jahre 1755, dass damals der Wächterdienst schon recht gut organisiert war.

«7. Winmonat wurde durch die Gmeind die Rechnung abgenommen und die Vorgesetzten für ein weiteres Jahr bestellt. Ebenso der Dorfwächter Kaspar Meier. Lohn 30 Gulden (60 Pfund) Hinzu wird verdüetet, dass nebenstehender Wächterdienst verobligiert und bi Tag und Nacht schuldig zu versehen. Nämlich: Es solle ein Dorfwächter von der Kilb an zu Nacht um 10 anfangen rüefen und solle mit Rüefen die Stund Morgen um 3 Uhr enden. Darnäbend alle Woche die Gmeindbrunne einmahl usbutzen und darnäbend den Dienst unklagbar zu, ersehen. Auch auf Befehlen der Vorgesetzten an die Gmeind (Gemeindeversammlung) rüefen.»

Der Wächter war eine Respektsperson und er musste verschiedene Mitteilungen den Leuten bekanntgeben. So zum Beispiel auch, wann die letzte Zehndengarbe eingesammelt und das Feld leer war. Hernach konnten die Dorfgenossen mit ihrem Vieh die Felder abweiden. Neuzugezogene in der Gemeinde mussten sich auch beim Wächter einkaufen, was aus einem Eintrag von 1813 hervorgeht: «Und 10 Gulden jährlich dem Wächter als Wachtlohn zuhanden dem Seckelmeister“.

Später war der Wächter offenbar uniformiert, was aus folgendem Eintrag vom Jahre l847 zu lesen ist: „Der Rock von alt Wächter Heinrich Bär, soll für den neuen Wächter auf Kosten der Gemeinde abgeändert werden.“ Wie manchem Wächter ein solcher Rock zu dienen hatte, ist nirgends ersichtlich.

1849 wurde dann eine ausführliche „Wächterverordnung der Gemeinde Ottenbach“ erlassen. Da sie von Interesse ist, sei sie hier vollumfänglich zitiert:

„Es ist der Wächter alljährlich den 2ten Jenner zu wählen

1. Liegt dem Wächter ob: von Martini (11.Nov.) bis Maitag, die Stunden von 11bis 2 Uhr zu rufen und im Sommer, von Maitag bis Martini von 12 bis 2 Uhr.

2. Soll derselbe alle Tage zum Seckelmeister und Präsidenten gehen, um allfällige Geschäfte und Aufträge zu erhalten.

3. Hat derselbe die beiden Dorfbrunnen wöchentlich einmal zu reinigen.

4. Hat derselbe so viel wie möglich die Gemeinde zu durchreisen, bei Tag und bei Nacht und Strassenbettler und sonstige verdächtige Personen weg zu weisen. Ebenfalls so viel wie möglich bei Tag und bei Nacht sich unanständig betragende und lärmende Personen zur Ordnung zu weisen. Überhaupt hat er soviel wie möglich die öffentliche Ruhe, Ordnung und Sicherheit herzustellen.

5. Hat er die Befehle seiner Oberen genau und pünktlich zu vollziehen.

6. Hat die Gemeinde das Recht, bei Nichterfüllung seiner Pflichten, ihn vierteljährlich abzusetzen.

7. Ist ihm für seine Bemühungen 42 Gulden 20 Batzen bestimmt.“

Wohl der letzte Wächter und Weibel im vorstehenden Sinn war Jakob Hegetschweiler, der bei der älteren Generation noch in der Erinnerung fortlebt. Als kleiner Bauer übernahm er 1884 die Besorgung der Strassenbeleuchtung, die damals aus Petrollampen bestand. Dann wurde er als Dorfwächter und Weibel angestellt und amtete zugleich auch als Dorfpolizist. Mitteilungen der Holzkorporation, der Viehversicherung und der Milchgenossenschaft an ihre Mitglieder, wie Einladungen zu Versammlung oder zum Frondienst, gab er mit lauter Stimme an verschiedenen Plätzen im Dorf bekannt. Daneben betätigte er sich auch noch als Wünschelrutengänger in der näheren und weiteren Umgebung. Die Funktion des Dorfwächters ging wahrscheinlich während seiner langen Amtszeit ein. Die anderen Tätigkeiten verrichtete er jedoch, bis er im 89. Lebensjahr 1935 starb. Er gehörte während 40 Jahren der Gesundheitskommission an und hatte als Gemeindepolizist auch die „Überhöckler“ in den Wirtschaften aufzuschreiben.

In seiner langen Amtszeit hatte er insgesamt10 Präsidenten und 8 Gemeindeschreiber als Vorgesetzte. Später dann wurde der Posten des Weibels durch seine Frau und dann durch verschiedene Mitbürger, hauptsächlich in der Freizeit, ausgeführt, bis dann ein vollamtlicher Gemeindearbeiter auch diese Aufgabe übernahm.

Kurt Leutert


Der Artikel „Der Dorfwächter und Weibel“ erschien im Juni 1986 im Dorfheft „De Ottebächler“ Nr. 31. Herausgeber: Gewerbeverein Ottenbach


>>>Mehr über Kurt Leutert, Ottenbacher Bauer, Dichter, Ahnen- und Heimatforscher >>>Leutert-Kohler Kurt *15.Dezember 1923 - 24.Dezember 2011


Die Ottenbacher Schellerbirne

Ein grosser Teil der majestätischen, unsere Landschaft bereichernden Birnbäume gehört zur Sorte „Ottenbacher Schellerbirne“. Sicher hat sich der eine oder andere Leser schon gefragt, woher diese Birnensorte stammt.

Heiner Egli, Gartenarchitekt, wohnhaft an der Jonentalstrasse, ermöglichte es uns, Ihnen diese Frage zu beantworten.

Sein Grossonkel, Theodor Zschokke, war während vielen Jahren Leiter der Versuchsanstalt für Obst- und Weinbau in Wädenswil. Er galt als grosser Obstkenner und hat in dieser Eigenschaft in den reissiger Jahren das 150 Obstsorten umfassende Schweizerische Obstbilderwerk verfasst. Eines der letzten Exemplare dieses Werkes ist im Besitz von H. Egli. Der Verfasser schrieb damals über die Ottenbacher Schellerbirne:

„Diese vorzügliche Mostbirne ist nicht zu verwechseln mit der Schellerbirne, welche schon seit langer Zeit in der Umgegend des Zürichsees vorkommt. Erstere stammt auch nicht, wie etwa behauptet wird, von der letzteren Sorte ab. Der stattliche, gesunde Mutterbaum steht heute noch im Grundbesitz des Herrn Heinrich Hegetschweiler, alt Prasident in Ottenbach. Der Besitzer teilt folgendes mit: Schon zu Lebzeiten seines Grossvaters gehörte dieser Baum zu den vornehmsten seiner Hofstatt. Der Baum soll in einer Hecke aufgewachsen sein. Letztere ist heute verschwunden. Der ca. 200 Jahre alte Mutterbaum ist noch vollständig gesund, was bemerkenswert ist, noch starktriebig. Eine grosse Wunde die durch Anfahren eines Fuhrwerkes am Stamm entstanden ist, heilte der Baurm in wenigen Jahren vollständig aus. Erträge von 10 bis 12 Doppelzentnern Birnen sind keine grosse Seltenheit. Schon vor 100 Jahren sind von diesem Stamm Reiser geschnitten worden.“

Über die Baumeigenschaften steht zu lesen:

„Namentlich zum Umpfropfen von älteren Birnhochstämmen eignet sich die Ottenbacher Schellerbirne sehr gut. Aber auch jung gezogen, zeigen die Bäume starken Wuchs, sie entwickeln sich gut in Stamm und Krone. Die Äste sind kräftig, aufstrebend. In den ersten Jahren nach der Pflanzung ist ein Rückschnitt notwendig,um zu vermeiden, dass nicht mehrere Gipfelttriebe entstehen. Die Krone bildet eine hochgebaute Pyramide. Die Holztriebe sind schlank, anschwellend gegen die Knospen hin, von gelblich-brauner, glänzender Färbung.“

Weiter wird vermerkt:

„Als Dörrbirne findet die Frucht beste Verwendung, nur muss man sie bis zum Teigwerden liegen lassen. In diesem Zustand lässt sich die Fruchthaut leicht ablösen. Man glaubt, dass der Name Schellerbirne auf diese Eigenschaft zurückzuführen sei.

Beim erwähnten Heinrich Hegetschweiler handelt es sich nach Auskunft von Kurt Landwirt "Im Grund“ um den Grossvater der Gebrüder Hegetschweiler, welche heute noch den Bauernhof „Ölberg“ bewirtschaften. Der Mutterbaum stand aber nicht in der Nähe des „Ölbergs“, sondern an der Strasse, welche heute von der Geerenstrasse, zwischen den Heimwesen „Im Grund“ und „Oberberg“ hindurch zum Wald hinauf führt. Da die Parzelle an den Baumgarten der Familie Leutert „Im Grund“ angrenzte, wurde sie von den Hegetschweilers's dann an den Vater von Kurt Leutert verkauft. Mitte der vierziger Jahre, als ein Überschuss an Mostbirnen bestand, wurde der gut 200 Jahre alte Baum, der direkt an der Strasse stand, zusammen mit weiteren Birnbäumen gefällt und durch hochstämmige Apfelbäume ersetzt. Wie ist es nun aber möglich, dass ohne menschliches Dazutun, eine neue Obstsortc entsteht? Nach Aussage von Heiner Egli dürfte die nachstehend beschriebene Hypothese die wahrscheinlichste sein. Im Gegensatz zu den Gartenbirnen, welche nur durch Aufpfropfen u.ä. vermehrt werden können, besitzen Mostbirnen keimfähige Kernen. Aus diesen können neue Bäume spriessen. In jedem Kern ist das Erbgut der Sorte gespreichert. Es ist aber möglich, dass in einzelnen Kernen Veränderungen im Erbgut vorkommen. Aus solchen Kernen entwickeln sich dann Bäume, deren Eigenschaften nicht mehr der ursprünglichen Sorte entsprechen. Auf diese Art dürfte Ottenbach zu «seiner» Schellerbirne gekommen sei.

Fridolin Egger, Ottenbach

Der Artikel „Die Ottenbacher Schellerbirne“ erschien im März 1987 im Dorfheft „De Ottebächler“ Nr.34.Herausgeber: Gewerbeverein Ottenbach


Das Kompetenzzentrum Obstbau Bodensee beschreibt die Ottenbacher Schellerbirne aktuell (2017) folgendermassen:

zuckerreich, herbsauer, teigig, bestens zum Dörren geeignet, mittlerer Wuchs, in höheren Lagen oder bei ungünstiger Witterung reifen die Birnen kaum aus; Herkunft: 1925 erstmals von Zschokke beschrieben, der damals ca. 200 Jahre alte Mutterbaum soll in Ottenbach/CH in einer Hecke aufgewachsen sein.


Sagenhaft

Aus: K.W. Glättli, Ämtler Sagen, Hrsg. Rohr, Zürich 1959

Als man vor Zeiten die Kirche von Ottenbach erweitern wollte, mangelte es an Bausteinen. Da berichteten die einsamen Bewohner des benachbarten Islisberg, eines kleinen Dörfchens, es liege auf ihrer Höhe im Walde noch eine alte Heidenkirche mit vier mächtigen Pforten und den schönsten Werkstücken. Die Gemeinde beschloss, diese Quader herabzuschaffen. Sowie man aber an die Arbeit ging, verschwanden unvermutete alle Taglöhner, und selbst ihre Familien kamen allmählich aus dem Lande.

Nach vielen Jahren erfuhr man, dass sie sich alle zusammen in der Rheinpfalz niedergelassen hätten und daselbst recht glücklich und in Wohlstand lebten. Hieraus schloss man, die Steinhauer hätten in jenem Tempel einen grossen Schatz gehoben und sich damit aus dem Lande geschlichen, um ihn ohne Anfechtung verzehren zu können.

Früher, 1857 noch, sagte man von einem, der den Gottesdienst geschwänzt hat, ersei <z Iselis-Chilch gsi>.


Der Wässermann

Wasserwiesen sind heute nicht mehr üblich,in unserer Gegend überhaupt ganz verschwunden. Das Wässern der Wiesen wurde im letzten und anfangs unseres Jahrhunderts vielerorts praktiziert. Die Vorteile des Verfahrens sind in einem alten Lehrbuch wie folgt beschrieben: «Nährstoffreiches Rieselwasser ist ein Dünger, den die Natur umsonst liefert. Es führt dem Boden nicht nur Pflanzennährstoffe zu, es schützt auch die Wiesenpflanzen im Frühjahr vor Nachtfrösten. Es erfrischt die Wiesenpflanzen bei anhaltender Trockenheit, vertreibt Mäuse und Engerlinge und vernichtet die giftige Herbstzeitlose. Durch die im Wasser aufgeschlämmten feinsten Erdteilchen. die sich bei einer Überschwemmung als Schlick auf der Wiese ablagern, wird der Wiesenboden gedüngt.» Die Korporation Ottenbach hatte auch ihre Wässerwiesen, und zwar in der Gemeindematt, jenem Stück Land, in dem sich heute zuunterst das Eisfeld befindet. Die da damaligen Besitzer. der Mühle, gegenüber der heutigen Fabrik Haas, sammelten alle möglichen Bäche in ihrem Weiher, um das Wasserrad anzutreiben. Anschliessend floss das Wasser in die Gemeindematt und wurde dort zum Wässern benutzt. Schon1815 finden wir einen schriftlichen Beschluss über das Wässern:

«Den 20. April 1815 ist von den Gemeindevorgesetzten und der Civilgmeind Ottenbach abgeschlossen worden, wie unterzogen ist:

1. Solle die Gmeind Ottenbach auf der Gmeimatt zum Wasser verrichten 7 Brötschen (Schleusen) machen, in jeder Abteilung soll ein Brötschen sein. 2. Wann die Brötschen gemacht sind, so sollen die sieben Plätz jede sein Brötschen unterhalten und in Ehren halten, dass dieselben der Gmeind nicht mehr zur Last fallen sollen. 3. Solle das Wasser das ganze Jahr auf die Gmeinmatt laufen und soll niemand das Recht haben, dass Wasser abzurichten, ausgenommen 14 Tag im Heuet und 14 Tag im Emdet.»

Da die Bewirtschafter wahrscheinlich über das Einleiten des Wassers nicht immer einig waren, wurde später ein Wässermann angestellt. In einer eigenen Verordnung umschrieb die Gemeinde die Rechte und Pflichten des Amtsinhabers.

«1848 Verordnung für den Wässermann der Gemeindematt Ottenbach

1. Ist derselbe verpflichtet, von den 14 Schleusen täglich deren 2 zu schliessen, damit die dabei liegenden Plätze gehörig gewässert werden. 3. Soll der Wässermann darauf achten, dass kein Wasser durch andere Güterbesitzer auf andere Wiesen verführt werde, es sei denn, dass das gehörige Wasser auf die Gemeindematt fliesse. Würde dies hie oder da geschehen, so hat es der Wässermann der Vorsteherschaft anzuzeigen. 4. Soll das Wasser jährlich 4 Wochen gänzlich aus der Gemeindematt in den Kanal des Müller Berli abgeführt werden, nämlich l4 Tage im Sommer während des Heuens und 14 Tage im Herbst im Streu machen. 5. Solle der Wässermann seinem Berufe treu und fleissig abwarten, denn es hat die Vorsteherschaft das Recht, bei Vernachlässigung diese Stelle durch eine andere Person zu besetzen. 6. Hat der Wässermann seine Gebühren von 8 Batzen per Plätz bei den Eigentümern zu beziehen.»

1857 brach sogar ein Streit aus über die Zuleitung des Wassers. Der Wässermann beklagte sich, dass ihm durch die Landbesitzer ob der Mühle das Wasser fast alles abgeleitet werde. Die Korporation beschloss, dass das Bächlein von des Joggis her wieder zur Mühle und in die Gemeindematt geleitet werden müsse. Gegen den Wässerer ob der Mühle sollte ein gerichtliches Verbot erwirkt werden. Der Gerichtspräsident kam Begehren nicht nach, so dass die Angelegenheit in einer Klageschrift an das Obergericht geleitet wurde. Es wurde darin begründet, dass das Wasser schon Jahrhunderte auf die Gemeindematt (zum Wässern) geleiteit worden sei und dass die alte Mühle das Recht habe, so viel Wasser, als ein Wasserrad brauche herzuleiten. Bei heftigen Regenfällen überschwemme der Wildbach die Gemeindematt mit Schutt und Steinen, zufolge dessen gehöre auch dem der Nutzen, der den Schaden habe. Wie der Streit ausging, ist nicht bekannt. Mit der Zeit jedoch verloren die Wässerwiesen ihre Bedeutung, auch der Mühleweiher wurde zugedeckt. Von den Schleusen und Gräben ist heute nichts mehr zu sehen.


Kurt Leutert


Der Artikel "der Wässermann" erschien im Juni 1990 im Dorfheft „De Ottebächler“ Nr. 47. Herausgeber: Gewerbeverein Ottenbach

>>>Mehr über Kurt Leutert, Ottenbacher Bauer, Dichter, Ahnen- und Heimatforscher >>>Leutert-Kohler Kurt *15.Dezember 1923 - 24.Dezember 2011


Tagung Feldbatterie66

Die Feldbatterie 66 war während des 2. Weltkrieges viele Monate in Ottenbach stationiert. Zwei Soldaten fanden hier ihre Liebste und blieben für immer! Weiterlesen bei >>>Tagung Feldbatterie66


Tagebuch der Feldbatterie 66

Oblt. A. Schawalder führte während der Aktivdienstzeit 1939-1941 in Ottenbach ein Tagebuch. In einer Zusammenfassung daraus sind hauptsächlich Episoden in und um Ottenbach zu lesen. Weiter bei >>Tagung Feldbatterie66


Aus der Vergangenheit de "Doktorhauses"

um 1920/30 Affolternstrasse 21. Stoffladen Hegetschweiler (links Flachdach) und "Doktorhaus" Dr. Huggenberg
um 1920/30. Stoffladen August Hegetschweiler, Affolternstrasse 21 im Innern

Affolternstrasse 21/23, Ottenbach

Wie schnell die Zukunft zur Vergangenheit wird, spürt man am besten, wenn einem ein altes Fotoalbum in die Hände gerät.

Dieses Haus kennt sicher jeder Ottenbacher, denn schon mancher sass mit klopfendem Herzen im Wartezimmer von Dr. Glenck. Äusserlich hat sich das Haus kaum verändert. Betrachtet man aber die Fotografie genauer, so bemerkt man am Zinnengeländer eine Tafel, auf der zu lesen war:

August Hegetschweiler, Tuchhandlung, 1890.

Dieser Laden, mit 2 Schaufenstern und breiter Eingangstreppe, war für die damalige Zeit absolut neu und entsprach einem grossen Bedürfnis. Weit und breit gab es noch kein solches Geschäft auf dem Lande. Vom ganzen oberen Freiamt, vom Lindenberg und Muri, von Affoltern bis Rifferswil kamen die Leute zu Fuss Stoffe zu kaufen. Währschafte Wollstoffe für Herrenkleider, Baumwollstoffe und Leinen wurden verkauft, aber auch Seide für ein hoffärtiges Sonntagsblüsli, Spitzen, Knöpfe und Haarbändel für Mädchenzöpfe fehlten nicht. Zum ersten Mal lagen auch fertige Herrenhemden in den Gestellen. Die Damenwäsche aber wurde noch in Schubladen eingesperrt und war damals noch nicht für alle Augen zugänglich.

Als grösster "Hit" hingen erstmals Wintermäntel für Frauen an langen Stangen, und in dem grossen Spiegel konnten sich die Damen in ihrer ganzen Länge, oft leicht verlegen, betrachten. Auf derselben Fotografie kann man noch sehen, wie gemütlich es in den heutigen Praxisräumen damals zu und herging. Die Kundin konnte es sich vor dem Ladentisch bequem machen und sitzend sich das Gewünschte zeigen lassen. Leicht wehmütig blickt man auf diese Zeiten zurück, als die Leute noch Musse fanden, ihre Einkäufe mit einem persönlichen Gespräch zu verbinden.

Im Hintergrund des Ladens ist Herr Hegetschweiler gerade daran, seine Buchhaltung in Ordnung zu bringen. Ungefähr 40 Jahre lang - bis 1930 - spielte diese Tuchhandlung im Dorf eine wichtige Rolle, und vielleicht gibt es da und dort in einem Bauernhaus noch ein Leintuch oder ein Chuchitüechli aus jenen Zeiten.

Wie der Stoffladen zum «Doktorhaus» wurde

Und wie es so oft geht im Leben, so hatte der Tuchhändler August Hegetschweiler ein Töchterchen. Und zu jener Zeit, um1915, kam auch ein junger Arzt, Ernst Huggenberg, ins Dorf, um die hiesige Praxis zu übernehmen. .Schon bald brauchte er eine neue Krawatte, ging in den Stoffladen und liess sich einige zur Auswahl vorlegen. Da ihm aber das Fräulein hinter dem Ladentisch weit besser gefiel, als die Krawatten, und er nicht so recht wusste, wie er es anstellen sollte, so blieb ihm nichts anderes übrig, als weiterhin Krawatten einzukaufen...

Schlussendlich aber heirateten Dr. Huggenberg und Fräulein Hegetschweiler und zogen später in dieses Haus ein. Vier Mädchen sind darin aufgewachsen und das Haus hat in dieser Zeit viel erlebt! Bis 1962 wurde es von der Familie bewohnt. Obschon sich die Arztpraxis immer im Nebenhaus befand, wurde dieses Haus von den Ottenbachern «das Doktorhaus“ getauft.

Silvia Trechsel-Huggenberg 1927-2015

Die Geschichte „Aus der Vergangenheit des „Doktorhauses“ erschien im Dorfheft „Ottebächler“ in den Ausgaben Nr. 21 und 23, Dezember 1983 und März 1984. Herausgeber: Gewerbeverein Ottenbach

Biografien:

Eheleute

August Hegetschweiler, 1856-1934, von Ottenbach, verheiratet mit Hedwig Zschokke 1888 in Gontenschwil AG.

Hedwig Zschokke, 1860-1932, von Gontenschwil AG, verheiratet mit August Hegetschweiler 1888 in Gontenschwil

Wohnhaft gewesen an der Affolternstrasse 23, Ottenbach ZH

August Hegetschweiler führte den weitherum bekannten Stoffladen an der Affolternstrasse 21 in Ottenbach.

Hedwig Hegetschweiler-Zschokke war gelernte Haushaltlehrerin.

Das einzige Kind der beiden, Clara, heiratete den Arzt Dr. Ernst Huggenberg. Mutter und Tochter arbeiteten im Stoffladen mit.

Die Autorin des Artikel "Aus der Vergangenheit des Doktorhauses", Silvia Trechsel-Huggenberg, war die Jüngste von 4 Töchtern des Ehepaares Ernst und Clara Huggenberg-Hegetschweiler

Quelle: Zschokkestiftung, Samuel Zschokke


100 Jahre Sekundarschule Obfelden Ottenbach

Konrad Melchior Hirzel, ein Förderer der Schulen

Im Jahre 1823 wurde der Stadtzürcher Konrad Melchior Hirzel anstelle des Oberamtmannes Frick von Maschwanden, als Oberamtmann im Knonaueramt eingesetzt. Er entfaltete in der Folge eine überaus erfolgreiche Tätigkeit in seinem Wirkungsgebiet.

So besammelte Hirzel am 22. November 1825 vierzig der angesehensten Männer im Schloss Knonau und stellte den Antrag, eine Gemeinnützige Knonaueramtsgesellschaft zu gründen. Das geschah dann auch. Die Gründungsversammlung fand am 15. Dezember desselben Jahres statt, und es stellten sich bereits 140 Mitglieder zur Verfügung. Diese Gesellschaft existiert bis auf den heutigen Tag und hat manch gutes Werk angeregt und getan.

Als erstes ging sie daran, das Schulwesen auszubauen. So wurde bereits am 8. Mai 1826 die Errichtung einer Amtsschule beschlossen und diese am 2. Oktober 1826 mit 40 Schülern eröffnet. Der Unterricht wurde vorläufig im Hause des Kirchmeiers Kleinert in Unter-Mettmenstetten abgehalten. Aber schon 1827 beschloss die Gemeinnützige Gesellschaft den Bau eines Amtsschulhauses. Man kaufte den «Funkischen Weingarten“ in Unter-Mettmenstetten, und durch viele private Spenden und freiwillige Steuern wurde der Bau möglich.

Ein neues Amtschulhaus in Mettmenstetten

Mettmenstetten, Sekundarschulhaus, ehemaliges Amtsschulhaus

Die Einweihung fand am 17. August 1829 statt. In der Amtsschule wurden folgende Fächer unterrichtet: Deutsch, Messkunst (Rechnen und Geometrie), Naturkunde, vaterländische Geschichte und Erdbeschreibung nebst Anleitung über die wichtigsten Pflichten des Bürgers und Gemeindevorstehers, Französisch, Gesang, Religion und Sittenlehre, Leibesübungen.

Auch Schüler aus Ottenbach besuchten diese Schule (zu Fuss natürlich).

Diese Amtsschule war die erste im Kanton Zürich, und Melchior Hirzel, der als Mitbegründer der zürcherischen Sekundarschulen gilt, schaute darauf, dass sie nach dem Muster der Amtsschule Mettmenstetten aufgebaut wurde. Mit dem Gesetz vom 18. September 1833 entstanden die Sekundarschulen im Kanton Zürich, und auch die Amtsschule wurde in eine staatliche Sekundarschule umgewandelt. Damals wurde sie von 40 bis 50 Schülern besucht.

Die teilweise sehr langen Schulwege führten dazu, dass einzelne Gemeinden an eine eigene Sekundarschule dachten. So trennte sich 1854 der Kreis Affoltern-Hedingen ab und drei Jahre später auch Hausen.

Obfelden und Ottenbach planen ein Sekundarschulhaus

Auch Ottenbach befasste sich mit dem Gedanken einer eigenen Sekundarschule. Trotz einem Legat von Fr. 1000.- fehlte es aber an dem nötigen Geld, so dass der Gedanke aufkam, mit Obfelden zusammen eine Sekundarschule zu gründen. Dank grosszügigen Legaten und Spenden war Obfelden bald in der Lage, sich konkret mit dem Projekt zu befassen. Beide Gemeinden, Obfelden und Ottenbach, genehmigten am 16. bzw. 23. November 1884 folgende Vereinbarungen:

  • 1. Die Gemeinde Obfelden erstellt von sich aus und ohne Inanspruchnahmeder Gemeinde Ottenbach das Sekundarschulgebäude mit Lehrerwohnung und Turnplatz. Die Kosten der Behei^)ng und Reinigung des Schullokales fallen dem Sekundarschulort zu; dagegen trägt der Kreis den Mietzins für die Lehrerwohnung und das Pflanzland.
  • 2. Als Gegenleistung legt die Gemeinde Ottenbach die Summe von Fr. 4000.- in den Schulfond (inkl. Anteil von Mettmenstetten). (Mettmenstetten kaufte die «abspringenden“ Gemeinden aus.
  • 3. Alle übrigen Anlagen werden nach Massgabe des bisher üblichen VerteiIungsmodus von beiden Gemeinden gemeinschaftlich getragen.

Mit diesen Beschlüssen war die Gründung eines Sekundarschulkreises Obfelden- Ottenbach vollzogen, und die staatliche Genehmigung erfolgte am 24. Januar 1885. Damit war der Schulkreis Obfelden- Ottenbach der 90. im Kanton.

Obfelden machte sich nun sofort an den Bau eines Sekundarschulhauses. Inbegriffen Landankauf, Garten- und Turnplatzanlage und laufender Brunnen entstanden Kosten von Fr. 34 712.-. Davon wurden (glückliche Gemeinde!) fast 2/3 durchLegate und Geschenke gedeckt.

Einweihung des neuen Sekundarschulhauses in Obfelden am 9.Mai 1885

Sekundarschulhaus Obfelden-Ottenbach in Obfelden 1885

Am 9. Mai 1885 fand die Einweihung und sofortige Eröffnung der Schule statt. Der erste Kurs wurde mit 27 Schülern geführt. Den Unterricht erteilte Jakob Furrer von Sternenberg. So bestand die Sekundarschule viele Jahrzehnte, bis dann 1959 die Dreiteilung der Oberstufe in Sekundarschule, Realschule und Oberschule erfolgte. Einfachheitshalber wurden auch diese Abteilungen der Sekundarschule angegliedert, und sie werden bis auf den heutigen Tag in gemieteten Schulräumen der Primarschulgemeinde Obfelden geführt.

Kurt Leutert


Der Bericht über die Gründung der Sekundarschule Obfelden-Ottenbach erschien im „Ottebächler“ Nr. 25, Dezember 1984. Herausgeber: Gewerbeverein Ottenbach

Mehr über den Ottenbacher Bauer und Dichter Kurt Leutert bei Leutert- Kohler Kurt *1923 - 2011


Die grösste Ottenbacherin

Die wenigsten Menschen in Ottenbach kennen sie persönlich, obschon sie jederzeit besucht werden kann! Weiterlesen bei >>Die grösste Ottenbacherin


Die traurige Geschichte von der unvorsichtigen Maus, der köstlichen Tomate und dem schwerhörigen Grossvater

Maus 1.jpg
Maus 2.jpg
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In einem alten Haus in Reussbach, hinter den sieben Bergen, lagen einst 7 saftige Tomaten in einer dunklen Küchen-Schublade und warteten darauf vom Grossmütterchen zu Salat verschnitten zu werden. Die Tomaten fürchteten sich schon lange vor dem scharfen Messer, doch es kam noch viel schlimmer: Eines Nachts kletterte eine kleine Maus mit grossen, scharfen Zähnen in die Schublade und knabberte die entsetzten Tomaten bei lebendigem Leibe an. Die Maus verschwand nach einem köstlichen Male und lies die Tomaten halb lebendig zurück.

Anderntags hörte der schwerhörige Grossvater einen entsetzlichen Schrei aus der Küche. Er eilte herbei und sah das halb ohnmächtige Grossmütterchen, in der Hand die Tomatenkiste mit den angeknabberten Liebesäpfeln. Der Grossvater sprach dem Grossmütterchen gut zu und versprach, eine grossangelegte Jagd nach der Maus durchzuführen. Er lief zum Waffenschrank und machte alle Gewehre, Pistolen und Säbel bereit, anschliessend stellte er die Mausefallen in der Küche auf. Sogar den alten Feuerwehrhelm legte er bereit.Wochenlang lag der schwerhörige Grossvater auf der Lauer und hörte jedes Rascheln im Haus, doch kein Rascheln der Maus.

Eines Tages ertönte wieder der entsetzliche Grossmütterchen- Schrei aus der Küche. Der immer noch schwerhörige Grossvater eilte wieder herbei und sah das Grossmütterchen mit den wieder angeknabberten Tomaten. Der alte Trapper kontrollierte mit seinem Winnetou-Adlerblick auch die Fallen und was sah der Jäger der schon verloren geglaubten Jagd? Ein nach allen Regeln der Fallensteller-Kunst erlegtes Freiwild.

Der alte Grossvater, immer noch schwerhörig, nagelte die Trophäe an die Haustüre, als Warnung an alle Mäuse in Reussbach.

Seither meiden die Mäuse das alte Haus an der Reuss in Reussbach und das Grossmütterchen und der schwerhörige Grossvater leben wieder glücklich und ohne Mäuse.

O.T.Bacher




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