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Sentupada – Begegnungsfest Ottenbach – Disentis 1./2.Juni 1991

Ich weiss nicht, ob es anderen auch so ging wie mir: leicht war nämlich am Anfang die Begegnung wirklich nicht. Nachdem ich am Samstagmorgen kurz nochmals mit meiner Partnerin das Gästezimmer inspiziert hatte - die Betten waren frisch angezogen, die Frottiertücher lagen bereit, der Blumenstrauss stand auf dem Tischchen, die Schokoladenherzen lagen auf dem Kissen -, stand ich um 11 Uhr beim alten Schulhaus, um unsere Gäste abzuholen. Ich war gespannt, wusste ich doch nicht mehr, als dass es ein Ehepaar war, das einen Marktstand betrieb und daher schon so früh in Ottenbach ankam.

Spontan begrüsste ich im Vorbeigehen auf dem Parkplatz ein paar Leute, die um ein Auto mit Bündner Nummer standen. Die Reaktion war eher zurückhaltend. Spontanität war offensichtlich nicht so gefragt - oder zumindest wurde dies nicht gezeigt. Eine gezeigt. Eine Viertelstunde später wurden mir dann meine Gäste vorgestellt. Und siehe da: es waren die gleichen, die ich schon auf dem Parkplatz begrüsst hatte. Beim zweiten Mal ging es nun schon etwas besser, wir lächelten uns freundlich an und schüttelten uns die Hände. Ich fragte die beiden, ob ich am Stand etwas helfen könne. Die Frau wollte lieber beim Stand bleiben. Der Mann übernahm es, mit mir nach Hause zu kommen.

Dort hätte er am liebsten den Schlüssel genommen und wäre schnell wieder gegangen. Nur widerstrebend liess er sich zu einem Bier einladen. Und auf den Hinweis, dass sie nur sagen sollten, wenn sie etwas bräuchten, meinte er nur trocken, sie kämen ja nur zum Schlafen -wahrscheinlich spät -- und stünden sicher wieder früh auf. Sie wollten uns auf keinen Fall zur Last fallen. Auf unsere Einladung zum Frühstück am Sonntagmorgen hin meinte er, Frühstück gäbe es doch sicher auch im Festzelt. Wir protestierten heftig und boten ihm an, sich einfach im Kühlschrank oder Keller zu bedienen, wenn er oder seine Frau Durst hätte. Also dies käme für sie an einem fremden Ort überhaupt nicht in Frage, antwortete er darauf. Beim Bier taute er dann etwas auf. Überraschend bot er mir beim Anstossen das Du an - allerdings nur mir als Mann, nicht meiner Partnerin. Und auf unsere Interesse hin begann er von seinem Leben zu erzählen. Dass er fast von zuoberst vom Lukmanier herkommt, wie er nach Segnas gekommen ist, wo er seine Lehre als Plattenleger gemacht hat, wie er ein paar Jahre in Disentis selber gewohnt und gearbeitet hat, bis er wieder nach Segnas zog und sich selbständig machte, wie er das Geschäft mit dem Bau von Öfen aus Speckstein aufbaute, wie die Idee von Souvenirs aus Naturstein dazu kam. Wie es anfänglich schwer war und wie sie sich dennoch vor ca. 6 Jahren ein eigenes Haus bauen konnten. Er erzählte es trocken, mit einfachen Worten - aber so, dass wir die Liebe zu seiner Heimat, zu seinem Dorf, zu seinem Heim, zu seiner Familie und zu seiner Arbeit zu spüren bekamen.

Daraufhin berichtete ihm meine Partnerin, wie sie vor gut 20 Jahren für die Pro Juventute 3 Monate lang einen Einsatz bei einer bedürftigen Familie in Fuorns gemacht habe. Und kurze Zeit später stellten die beiden beim gegenseitigen Nachfragen plötzlich mit Erstaunen fest, dass sie ja gemeinsame Bekannte hatten. Damit war das Eis endgültig gebrochen, auch wenn vorerst noch kein echtes Tauwetter aufkam. Fast erschrocken schon über seine Erzählfreudigkeit drängte Ignaz, er müsse seiner Frau helfen gehen.

Am Nachmittag wollten auch wir noch den Begegnungs-Markt auf dem Schulhausplatz besuchen. Im Vorbeigehen gerieten wir gerade an die Baumpflanz-Aktion bei der Bushaltestelle. Symbolisch wurde mit diesem Akt die Begegnung von Ottenbacher und Disentiser Bürgern in der Erde verankert. Dürften die Bäume und Sträucher das Jahr 1991 doch hoffentlich um Jahrzehnte überdauern. Ob wohl dereinst in 1000 Jahren die von diesem Akt zeugende Flaschenpost, die mit vergraben wurde, in einer archäologischen Ausstellung bestaunt werden wird?

Am Markt standen wir bald einmal auch dem Stand unserer beiden Gäste. Was uns Ignaz verschwiegen hatte, war, dass seine Frau Puppen bastelte. Wir blieben am Stand stehen, bestaunten die Arbeiten und kamen auch so mit der Frau ins Gespräch. An ihrem Verhalten merkten wir, dass lgnaz offensichtlich positiv von seinen Erfahrungen bei uns geredet hatte. Trotzdem fragte sie noch vorsichtig, ob es vielleicht möglich wäre, bei uns vor dem Umziehen für das abendliche Fest zu duschen. Wir erklärten ihr, dass dies überhaupt kein Problem sei.

Als wir dann ca. 1Stunde später wieder in unserem Haus ankamen, kamen uns die beiden bereits festlich gekleidet entgegen - sie in der wunderschönen Festtagstracht der Surselva. Und verschmitzt meinte sie, sie sei halt auch noch Mitglied der Trachtengruppe von Disentis, und diese hätte heute Abend einen Auftritt. Ob wir auch noch kämen? Wir versprachen es. Etwas verspätet kamen wir im Festzelt an. Die Vorführungen hatten schon begonnen, aber glücklicherweise kam der Tanz der Trachtengruppe Disentis erst viel später dran. Vorerst suchten wir mal unsere neuen Bekannten und fanden sie mitten in einem Gemisch von anderen Disentisern und Ottenbacher Freunden. Der Zufall wollte es, dass gerade noch zwei Plätze für uns frei waren. Gross ins Gespräch kamen wir aber nicht – dafür lief zu viel oben auf der Bühne und um uns herum.

Die Organisatoren hatten sich wirklich etwas einfallen lassen. Und zwar auf eine gute Art, die wirklich Begegnung symbolisch und echt ermöglichte. Eine Aufführung aus Ottenbach löste eine andere aus Disentis ab, und so weiter und so fort. Das symbolische Geschenk der Gemeinde Ottenbach an die Gemeinde Disentis - eine Spräggele – wurde nicht einfach überreicht, sondern je zwei Leute aus den beiden Gemeinden fertigten sie gemeinsam an. Auch im Essen gab es je eine Bündner (Capuns) und eine Zürcher Spezialität (Züri-Gschnätzlets). Ganz besonders lobenswert fand ich die Tatsache, dass aus Umweltgründen auf das Plastikgeschirr- und Besteck verzichtet und lieber das beschwerliche Abwaschen auf sich genommen wurde.

So gut wie die Organisation war bald auch die Stimmung im Zelt. Die Leute machten begeistert mit, klatschten und verlangten Zugaben. Dadurch zogen sich die Vorführungen etwas in die Länge - erst ziemlich genau um Mitternacht kam die Trachtengruppe Disentis zu ihrer Tanzvorführung. Obschon wir alle sie lobten war Tiburzia – damals waren wir zwar mit ihr noch nicht per «du», gar nicht zufrieden. Der Boden sei viel zu glitschig gewesen, sie hätten gar keinen richtigen Schwung bekommen -und überhaupt, so spät seien alle schon etwas müde und unkonzentriert gewesen. Wir versicherten ihr, dass wir alle davon nichts gemerkt und uns an der Aufführung erfreut hätten. Dies beruhigte sie. Auf jeden Fall genoss sie den weiteren Verlauf des Festes so, dass sie bis fast Morgen um 3 Uhr zu den Klängen der «Mosquitos» tanzte.

Kaum hatten wir am Sonntagmorgen den Kaffee angebrüht und die Milch heiss gestellt, kamen unsere Gäste zum Frühstück herunter. Tiburzia sah von den nächtlichen «Strapazen» etwas mitgenommen aus. Sie sei sich dies halt nicht gewohnt, meinte sie entschuldigend. Beim Umsorgen merkten wir, dass sie auch ein wenig Angst vor der nachmittäglichen Reussfahrt hatte. Wasser sei für sie ein fremdes Element, schwimmen könne sie auch nicht. Wir versuchten, ihr Sicherheit und Mut für das Erlebnis auf dem Wasser zu geben. Vorerst schien dies aber wenig zu nützen. Während des Frühstücks hatten wir dann ein gutes Gespräch mit plötzlich viel Vertrautheit. Dennoch meinten Ignaz und Tiburzia auf unser Angebot hin, dass Gepäck doch dazulassen, weil sie vielleicht nach der Reussfahrt froh um eine Duschmöglichkeit sein könnten. immer noch, sie wollten uns nicht zu sehr belasten. Wir entgegneten, dass wir im Gegenteil uns freuen würden, sie nochmals zu sehen. Dies überzeugte sie.

Da wir uns für den Sonntag ab 10 Uhr bis 13.30 Uhr im Festzelt als Helfer zur Verfügung gestellt hatten gab es danach nicht mehr viel Gelegenheit zum Kontakt. Den ökumenischen Gottensdienst der auf sinnig Weise die Hände als Begegnungsymbol zum Thema nahm, verfolgten wir aus verschiedenen Warten. Erst nach der Hektik des Mittagessens konnten wir kurz wieder miteinander reden. Mit Freuden vernahmen wir, dass auch Tiburzia die Reussfahrt mitmachen würde und sich sogar darauf freute.

Später, als die beiden nach der Reussfahrt wieder zu uns kamen, leuchteten die Augen von Tiburzia. Die Reussfahrt hatte ihr Spass gemacht, und sie war stolz darauf, dass sie sich selber überwunden hatte. Beide kamen plötzlich ins Reden - und wir alle begannen zu merken, das uns der näherrückende Abschied schwerfiel. Dieses und jenes musste doch noch gesagt werden – insbesondere auch dass wir gegenseitig jederzeit ganz herzlich eingeladen und willkommen seien, in Disentis wie in Ottenbach. Und dies machte den Abschied etwas leichter. Nach einer herzlichen Umarmung wussten wir, dass wir uns nicht zum letztenmal gesehen hatten.

Jetzt im Nachhinein erinnert mich die wunderschöne, von lgnaz selbst gedrehte Dose aus Speckstein, mit der die beiden uns verwöhnt haben und die einen Ehrenplatz in der Küche erhalten hat, an die schöne Begegnung vom letzten Wochenende. Und ich meine, es müsste eigentlich mehr solche Begegnungsmöglichkeiten geben. Vielleicht würden so auch andere Fremde plötzlich zu Freunden?!

Mario Bolliger


Der Artikel "Sentupada – Begegnungsfest Ottenbach – Disentis 1./2.Juni 1991" erschien im Dorfheft „De Ottebächler“ Nr.34 Juni 1991

Gedenk-Baum 1991

Aus Anlass des grossen Begegnungsfestes Disentis-Ottenbach wurde an der Isenbergstrasse, mitten im Dorf, ein Nussbaum gepflanzt. Gleichzeit soll der Baum auch an das Jubiläum 700 Jahre Eidgenossenschaft erinnern. In eine dickwandige Flasche wurden verschiedene Dokumente abgefüllt und die Flasche gut verschlossen in die Pflanzgrube gelegt. Wann wird sie wohl gefunden?


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