Die Autobahn durchs Knonaueramt

Aus Ottenbach
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Die A 4 ist auch ein Lehrstück in Demokratie

Autor: Stefan Hotz NZZ 2.11.2009


Der Streit um die Autobahn durch das Knonauer Amt prägte die politische Debatte im Kanton Zürich in den 1980-er Jahren. Noch 1985 hatte eine Mehrheit der Zürcher den Bau der A 4 verworfen. In knapp 14 Tagen, am 13. November, wird sie feierlich dem Verkehr übergeben.

sho. Wer das Knonauer Amt nicht näher kennt, bringt es vermutlich am ehesten mit der N 4 in Verbindung. Die Chiffre steht für eine Auseinandersetzung, die zeitweise die Gemüter weit über die Region hinaus erregte. In knapp zwei Wochen wird die Strasse – nun unter der Bezeichnung A 4 – dem Verkehr übergeben. Bereits 1960 war eine direkte Nationalstrassenverbindung zwischen Zürich und Zug vorgesehen. Ein knapp 3 Kilometer langer Stummel von der Zuger Grenze bis Knonau war 1975 fertig. Er diente dem SNationalrat war gegen die N 4 Die Fortsetzung fehlte, weil unklar blieb, wie Zürich an die N 4 angeschlossen werden sollte. Mittlerweile war absehbar, dass das Expressstrassen-Ypsilon durch die Stadt nicht realisiert würde, aber es fehlten noch lange baureife Pläne für die Westumfahrung. 1978 gehörte die N 4 zu den Nationalstrassenabschnitten, deren Notwendigkeit im Auftrag der eidgenössischen Räte von der Kommission Biel untersucht – und bejaht wurde. Mitte der 1980er Jahre forderten zwei gegensätzliche kantonale Volksinitiativen die Einreichung einer Standesinitiative für die Streichung beziehungsweise für den Bau der N 4. Die N-4-Gegner setzten auf die Zimmerbergvariante, einen Tunnel zwischen der A 3 bei Horgen und Sihlbrugg. Die NZZ schrieb, die N 4 «passt nicht (mehr) in unsere Landschaft», ihr Bau sei «ebenso widersinnig wie unzeitgemäss». Am 9. Juni 1985 stimmten 53 Prozent der Zürcherinnen und Zürcher für ihre Streichung.

Im Jahr darauf wandte sich zuerst auch der Nationalrat mit 85 zu 83 Stimmen gegen die N 4. Die knappe Mehrheit kippte nach dem klaren 31-zu-10-Votum für ihren Bau im Ständerat. Der Entscheid der eidgenössischen Räte setze sich, so damals die NZZ, «über elementare Forderungen des Raumplanungsgesetzes, so nach haushälterischer Nutzung des Bodens, nach der Erhaltung schützenswerter Landschaften und Erholungsräume, nach Bewahrung weiterer Landwirtschaftsflächen vor Verbetonierung und Zersiedelung, hinweg».

Phantasievoller Widerstand

Der Kommentar verdeutlicht, dass die Kritik an der N 4 nie nur verkehrs- und umweltpolitisch motiviert war. Sie galt ebenso dem Siedlungsdruck, den die Strasse auf die ländliche Region vor den Toren Zürichs erzeugen würde. Der drohende Verlust von wertvollem Kulturland trieb Bauern auf die Seite der N-4-Gegner. Vor allem die «Jungen Säuliämtler» opponierten mit phantasievollen Aktionen, entzündeten Warnfeuer und markierten den Verlauf der Strasse im Gelände. Der Slogan «N 4 – nie!» prangte an mancher Hauswand.

Dokumente des Widerstands

sho. ⋅ Bis zur Eröffnung der A 4 erinnert die Regionalbibliothek Affoltern am Albis an diesen bewegten Abschnitt der Geschichte des Säuliamtes. Sie dokumentiert bis 14. November in der Galerie am Marktplatz den über 30-jährigen Kampf der Gegner und Befürworter. Vernissage ist am Donnerstag, 5. November, 19 Uhr. Ab 1987 war die N 4 ein Teil der Kleeblatt-Initiative des Verkehrsclubs der Schweiz, die drei umstrittene Autobahnabschnitte verhindern sollte. Nach der deutlichen Abfuhr in der nationalen Abstimmung vom 1. April 1990, bei der nun auch das Knonauer Amt für die N 4 stimmte, brach der Widerstand zusammen. Dieser hatte jedoch bewirkt, dass die Autobahn landschaftsschonend geplant wurde.

Nationalrat Albert Rüttimann, Jonen und der Islisbergtunnel

Den wichtigsten Anstoss gab ein Bauer: Der im Juli verstorbene frühere Aargauer CVP-Nationalrat Albert Rüttimann aus dem benachbarten Jonen regte schon in den 1980er Jahren an, einen Teil der Autobahn in den Islisberg zu verlegen, um die Ebene zwischen Wettswil und Hedingen zu schonen. Der fast 5 Kilometer lange Islisbergtunnel, ein Drittel des N-4-Teilstücks, wurde ausschliesslich im Interesse der Landschaft und der Landwirtschaft gebaut.

Amt wird zur Agglomeration

Die Befürworter der Autobahn sind froh über ihre Fertigstellung. Wie aber blickt ein N-4-Gegner der Eröffnung entgegen? Bernhard Schneider, der damals dem Vorstand der Arbeitsgruppe für ein autobahnfreies Knonauer Amt und des VCS Zürich angehörte und der für den regionalen Anzeiger und das Regionaljournal des Schweizer Radios berichtete, sagt heute, er sei in erster Linie Demokrat und habe das klare Nein zur Kleeblatt-Initiative akzeptiert. Immerhin sei die N 4 dann so sorgfältig in die Landschaft eingebettet worden wie wohl keine andere Autobahn weltweit.

Für Schneider fiel mit dem Ja zur N 4 ebenso der Entscheid zur Integration des Knonauer Amtes in die Agglomeration Zürich. Es sei eine Illusion, die Gemeinden entlang der Hauptverkehrsachse, zu der auch die S-Bahn gehöre, ländlich erhalten zu wollen. Wichtig sei im Rückblick, dass die N-4-Gegner ihren Kampf kreativ, aber nicht verbissen geführt hätten. Das habe weniger Verletzungen hinterlassen, meint Schneider, so dass heute auch N-4-Befürworter über einige Aktionen von damals schmunzeln könnten.

Zwei Publikationen zur Eröffnung

sho. Wie viel kostete der Üetlibergtunnel genau? 1169 Millionen Franken. Warum gab es zweimal einen ersten Durchstich? Für den Pilotstollen am 20. Februar 2003 und mit der Erweiterungs-Bohrmaschine am 1. Februar 2005. Antworten auf diese und weitere Fragen zu Geschichte, Planung und dem Bau der Westumfahrung geben zwei neue Publikationen, die sich beide auch der A 4 im Knonauer Amt widmen. Die kostenlose Broschüre «Ein Jahrhundertwerk von nationaler Bedeutung» (34 S.) ist bei der Zürcher Baudirektion erhältlich: patricia.reist@bd.zh.ch oder 043 259 30 71. Für jene, die sich vor allem für bautechnische Details interessieren, kommt in diesen Tagen das Fachbuch «Direkt um Zürich» (440 S.) für Fr. 89.– in den Buchhandel.


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